Was macht einen Knives-Out-Film zu einem Knives-Out-Film?

Eigentlich ist Glass Onion gar keine Fortsetzung von Knives Out: ein neuer Cast, ein neuer Ort, ein neuer Fall. Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson wäre nicht für seine überraschenden Plot Twists bekannt, wenn er einfach eine Fortsetzung geschrieben hätte. Jeder seiner Filme steht für sich.

Trotzdem gibt es ein paar Elemente, die Knives-Out-Fans auch in Glass Onion wiedererkannt haben werden. Warum fühlen sich die Filme so einzigartig an – und doch vertraut? Hier sind fünf Elemente, die Rian Johnsons Krimireihe auszeichnen.

Achtung, Spoiler: Wer Glass Onion noch nicht gesehen hat, sollte erst mal die Finger von diesem Artikel lassen, um sich nicht den Spaß zu verderben.

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1. Ein ikonischer Detektiv, ganz ohne Monokel

Schon als kleiner Junge war Regisseur Rian Johnson begeistert von den Whodunit-Krimis Agatha Christies. In einigen seiner Eigenschaften erinnert Benoit Blanc an Christies berühmten Hercule Poirot: der auffällige Akzent, der französische Name, die dandyhaften Outfits (Wir sagen nur: Blau-weißer Badeanzug!), der Detektiv als Außenseiter unter den Reichen und Arroganten.

Dennoch ist Johnsons Detektiv Benoit Blanc eine völlig neue Art von Ermittler. Anders als bei vielen Krimi-Geschichten von Sherlock Holmes bis Batman steht bei Knives Out und Glass Onion nicht der geniale Ermittler im Mittelpunkt – sondern eine junge Frau, die sich gegen diejenigen durchsetzt, die ihr ein Unrecht angetan haben. In Knives Out ist Blanc sogar für einen großen Teil des Films der Gegenspieler der sympathischen Marta (Ana de Armas).

Miles Bron (Edward Norton), Whisky und Benoit Blanc (Daniel Craig) neben dem Pool in "Glass Onion: A Knives Out Mystery".
Auch wenn Detektiv Benoit Blanc lieber Frauen wie Marta und Helen die Bühne überlässt — seine exzentrischen Outfits spielen definitiv eine Hauptrolle. 

Sich komplett von den großen Vorbildern Poirot oder Sherlock Holmes zu lösen, fiel Johnson zunächst gar nicht so leicht. Bis ihm klar wurde: Mein Detektiv braucht kein Monokel, keinen beigen Mantel, keine Augenklappe. Er muss nicht mit Macken überladen sein. Er muss bloß seiner Zeit entsprechen.

So entstand die Figur des Benoit Blanc – allerdings nur in ihren Grundzügen. „Es war nicht so, dass wir den Dialog oder das Drehbuch oder so etwas geändert hätten. Aber nur Daniel, der diese Rolle verkörperte, erweckte sie sofort zum Leben“, sagte Johnson gegenüber Tudum. „Dann war keine Augenklappe erforderlich, Gott sei Dank.“

2. Die Geschichten spielen im Jetzt

Die Corona-Pandemie hat Benoit Blanc genauso hart getroffen wie wahrscheinlich die meisten: Wir sehen ihn in Glass Onion, wie er seit Tagen in seiner Badewanne sitzt und vor lauter Langeweile das Deduktionsspiel Among Us zockt (und daran kläglich scheitert).

Rian Johnson schafft es, über die Pandemie zu erzählen, unter der die ganze Welt nun schon seit Jahren leidet – aber ohne in Trübsal zu verfallen. Viele der lustigsten Momente der beiden Knives Out-Krimis entstehen, weil man als Zuschauer*in so viel aus dem eigenen Alltag wiedererkennt: Wer hat nicht Bekannte, die sich wie Duke Cody geweigert haben, eine Maske zu tragen – oder einen Mundschutz tragen, der so sinnlos ist wie Birdie Jays löchrige Netz-Maske.

Kate Hudson als Birdie Jay mit Netzmaske in "Glass Onion: A Knives Out Mystery".
Die Masken der Figuren beim ersten Zusammentreffen verraten schon viel über die Charaktere — wie hier Birdie Jays „Mund-und-Nase-Bedeckung“.

Am liebsten macht sich Rian Johnson dabei über die Reichen lustig: In Knives Out wird um das Erbe gestritten, Glass Onion spottet über Silicon-Valley-Neureiche und Tech-Milliardäre, die sich zu viel auf ihre „Disruption“ einbilden.

3. Rian Johnson lockt auf viele falsche Fährten

An der Dinnertafel werden die Spielregeln erklärt – und das nicht nur den anwesenden Gästen, sondern auch allen Zusehenden vor den Bildschirmen. Wie schon beim ersten Teil, ist auch beim zweiten ein Mord aufzuklären: Auf der ganzen Insel sind Hinweise versteckt. Manche hilfreich, manche irreführend. Und bei allem muss man genau bedenken, was man bereits über die Anwesenden weiß, erklärt der Gastgeber.

Auch, wenn Miles Brons geplantes Spiel ziemlich schnell gelöst scheint, gilt weiterhin: Augen und Ohren offenhalten, bloß nichts übersehen. Denn vielleicht ist es ja doch noch nicht vorbei. Der Film hat dadurch einen interaktiven Charakter, als Zuschauer*in wird man zum Teil des Rätsels. Wer ganz genau Acht gibt, löst den Fall vielleicht schneller als Benoit Blanc.

4. Krimi-Klischees im frischen Wind

Regisseur Rian Johnson weiß, was einen guten Krimi ausmacht. Er kennt alle Klischees: das Verbrechen im verschlossenen Raum. Die geheime Zwillingsschwester. Das Opfer, das doch nicht tot ist.

Johnson nutzt diese Klischees gezielt, um beim Zuschauer Erwartungen aufzubauen – um diese dann überraschend zu brechen.

Jeder Krimifan weiß: Wenn jemand großmäulig ankündigt, einen Mord „spielen“ zu wollen, dann wird bald wirklich jemand ermordet. Also wartet man als Zuschauer bei Glass Onion ab der ersten Minute darauf, dass jemand stirbt – und Rian Johnson steigert und steigert die Spannung ins Unerträgliche. Bis der Erste der Runde im Todeskrampf auf den Teppich stürzt.

5. Jedes Detail zählt

Auch, wenn die Filme beim ersten Ansehen wirken wie ein überraschender Plottwist nach dem nächsten – wer ganz genau aufpasst (und die Filme vielleicht nicht nur zwei- sondern besser gleich dreimal schaut) dem könnten versteckte Hinweise auf den bevorstehenden Plottwist auffallen.

Sie sind nicht im Garten versteckt, wie der Gastgeber zu Beginn ankündigt, sondern in winzigen Details – in einem Glas, das jemandem gereicht wird. In einem Gemälde von Mark Rothko, das falsch herum an der Wand hängt. In Wörtern wie „inhalisieren“, die Miles Bron beiläufig von sich gibt.

Ein besonders schönes Beispiel für Rian Johnsons Detailverliebtheit ist der große Showdown: Janelle Monáes Charakter setzt eins zu eins um, was Miles Bron in seinem großen Monolog über Disruption früher im Film fordert. Sie zerstört. Sie überschreitet Grenzen. Und dann zerstört sie etwas, das niemand zerstört sehen möchte. Sie wiederholt sogar Miles Geste aus seinem Monolog: zwei überkreuzte Mittelfinger:

Eine Szene aus Glass Onion: A Knives Out Mystery - die Geste mit dem Mittelfinger von Miles Bron wiederholt sich später noch mal im FIlm, als Helen Miles Kunstsammlung zerstört.

Eine alte Schreibregel des Dramatikers Anton Chekov besagt: „Man kann kein Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuss daraus abzugeben.“ Was so viel bedeutet wie: Jedes Detail in der Geschichte muss damit eine Funktion erfüllen. Rian Johnson scheint dieses Prinzip verinnerlicht zu haben.

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Netflixwoche Redaktion