Zum Start von yeen-yuhs: Die 10 besten Musik-Dokus auf Netflix

Weltstars, die unter chronischen Schmerzen leiden. Metal-Giganten, die einen Band-Therapeuten zu Rate ziehen. Karrieren, die unter politischem Engagement leiden. Auf jede Gewinner-Geschichte kommen in der Welt der Musik zahllose Dramen. Gute Musik-Dokus erzählen all das, aber sie leisten noch viel mehr. Sie erklären uns lokale Szenen und ganze Genres, sie richten das Spotlight auf zu Unrecht vergessene Figuren der Popgeschichte und bringen im besten Fall Historie und Emotion ins Gleichgewicht. 

Mit yeen-yuhs: Eine Kanye-Trilogie ging soeben das zweifelsfrei wichtigste Musikdoku-Event des Jahres an den Start. Und doch ist das nur die Spitze des Eisberges an Titeln, die Netflix in dieser Sparte zu bieten hat. Hier kommen die zehn besten Dokumentarserien und -filme auf Netflix – und ein Bonus!

This is Pop (2021)

Popmusik erklären: Das kann dauern. Die kanadische Dokureihe This Is Pop macht es deswegen genau richtig und nimmt sich pro Folge einen spezifischen Aspekt vor. Mal sind das ganz offensichtliche Gamechanger wie das Autotune-Plugin, dessen Sound die Charts umkrempelte und heute allgegenwärtig ist – und mal geht es um fast vergessene Geschichten. Wer hätte zum Beispiel auf dem Schirm gehabt, auf welche Schwarze Band der riesige Boygroup-Hype von Take That bis One Direction zurückzuführen ist? Oder was es mit dem New Yorker Brill Building auf sich hat, in dem einige der größten Pop-Klassiker entstanden sind? Acht Folgen voller guter Recherche und spannender Popkultur-Fakten.

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Hip-Hop Evolution (2016)

Hip-Hop erklären: Auch das ist nicht das einfachste Unterfangen, wie viele Versuche der letzten Jahre beweisen. Diese ebenfalls kanadische Reihe (von derselben Produktionsfirma wie This is Pop) setzt zum Glück weniger auf Allgemeingültigkeit als auf das schlaue Beleuchten lokaler Szenen und Bewegungen, die in ihrer Gesamtheit ein umfassendes Bild ergeben. Besonders ab der zweiten Staffel läuft Hip-Hop Evolution zu Hochform auf und zollt den lange vernachlässigten Südstaaten und der Bay Area Tribut, noch bevor die naheliegenden New Yorker Konsens-Klassiker der Neunziger zum Thema werden. So entsteht ein schlüssiges Narrativ, das völlig zu Recht mit einem Emmy und einem Peabody Award ausgezeichnet wurde.

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Quincy Jones – Mann, Künstler und Vater (2018)

Nach etwas über zwei Stunden fasst der Epilog dieses Films die Karriere des Protagonisten eindrücklich zusammen: Quincy Jones hat über 2.900 Songs und über 300 Alben aufgenommen, mehr als 1.000 Songs komponiert, 27 Grammys gewonnen und verantwortet als Produzent – unter anderem – mit Michael Jacksons Thriller das meistverkaufte Album aller Zeiten. Zwischen all den Superlativen gibt es in Quincy Jones – Mann, Künstler und Vater aber auch viel Menschliches zu entdecken, immer auf den Punkt gebracht von den Filmemacher*innen Rashida Jones und Alan Hicks. Kein Wunder, dass der Film selbst ebenfalls einen Grammy abräumt: 2019 als bester Musikfilm.

Metallica – Some Kind of Monster (2004)

Ein moderner Musikdoku-Klassiker: Die Dokumentarfilmer Joe Berlinger und Bruce Sinofsky begleiten eine der größten Rockbands der Welt in ihrer bis dato schwierigsten Phase, den Jahren 2001-2003. Das letzte wirklich große Album ist ein paar Jahre her, die Stimmung in der Band ist mau, Bassist Jason Newsted ist raus und Metallica macht sich mit einem Schauprozess gegen den Filesharing-Dienst Napster nicht gerade beliebter beim kleinen Fan. Entsprechend kompliziert ist der Weg zu einem neuen Album (das schließlich St. Anger werden soll) und einem neuen Bassisten (Robert Trujillo!), nicht zuletzt, weil James Hetfield plötzlich für ein paar Monate in eine Entzugsklinik verschwindet. Und haben wir schon den Therapeuten erwähnt, der im Studio quasi zum fünften Bandmitglied wird? Ganze 715 Tage begleitet Metallica – Some Kind of Monster die Band. Das Ergebnis ist nicht weniger als eine der intimsten Rock-Dokus, die man finden kann.

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What Happened, Miss Simone? (2015)

Nina Simone zählt unbestritten zu den ganz großen Stimmen des Jazz, aber das greift zu kurz: Ihre Musik brachte Blues, Gospel und Klassik zusammen und mündete doch oft in Pop-Hits wie „I Loves You, Porgy“, mit dem sie 1958 ihren Durchbruch feierte. Die Doku What Happened, Miss Simone? konzentriert sich aber auf das Erwachen von Nina Simone als ausdrücklich politische Künstlerin im Kontext der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Nie zuvor gezeigtes Archivmaterial und sorgfältig ausgewählte Interviews zeigen eindrücklich, wie sehr Simone für die Revolution brannte – und dass sie immer in Kauf nahm, für ihre Überzeugungen ihrer Karriere zu schaden.

The Godfather of Black Music (2019)

Clarence Avant ist nicht gerade der erste Name, der einem einfällt, wenn man über die Musikbranche nachdenkt. Dabei ist seine lange Karriere mehr als erzählenswert: Er war in den 1960er-Jahren der Manager von legendären Musiker*innen wie Sarah Vaughan, Jimmy Smith und Lalo Schifrin. Er gründete mit Venture Records und Sussex Records immens wichtige Labels für Schwarze Musik, nahm Bill Withers und den zu spätem Ruhm gekommenen „Sugar Man“ Sixto Rodriguez unter Vertrag und spielte bis ins 21. Jahrhundert hinein eine wichtige Rolle als Impresario und Mentor. Barack Obama und Lionel Richie, Jamie Foxx und Snoop Dogg – in The Godfather of Black Music kommen sie alle ins Schwärmen, wenn es um Clarence Avant geht.

Rolling Thunder Revue: A Bob Dylan Story by Martin Scorsese (2019)

Okay, der Titel ist recht selbsterklärend, oder etwa nicht? Nur zum Teil. In Wirklichkeit ist Scorseses Pseudo-Doku nämlich ein waghalsiges Verwirrspiel mit echtem Material von Bob Dylans namensgebender Tour 1975, Interviews mit echten Zeitgenoss*innen und komplett fiktionalen Passagen. Was nun wahr ist und was nicht, bleibt aber offen – wie zum Beispiel die Frage, ob Sharon Stone wirklich Teil der Rolling Thunder Revue war, oder ob das nur Wunschdenken ist. Das ist streckenweise so abstrus, wie es klingt, aber dank Scorseses Liebe zum Detail und nie gesehener Originalaufnahmen trotzdem absolut sehenswert.

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Clive Davis: The Soundtrack of Our Lives (2017)

Vielleicht der Gegenentwurf zu Clarence Avant: Clive Davis, schillernder Plattenmogul, schwerreicher Promi und einflussreicher Player an den Hebeln der Macht, Entdecker von Whitney Houston und Barry Manilow, Janis Joplin, Santana und Bruce Springsteen und Mitgründer von Puff Daddys Bad-Boy-Label. Dass es da massig gute Geschichten zu erzählen gibt, versteht sich von selbst – diese Doku hat sie (fast) alle.

Gaga: Five Foot Two (2017)

Lady Gaga, wie man sie noch nie gesehen hat – das verspricht Gaga: Five Foot Two und begleitet einen der größten Popstars durch dick und dünn. Regisseur Chris Moukarbel bezieht sich auf die Epoche des Cinéma vérité, wenn er Lady Gaga bei den Arbeiten an ihrem fünften Album Joanne und rund um ihre Superbowl-Show begleitet. Unaufgeregte Einblicke auch in private Momente, in denen Gaga mit chronischen Schmerzen zu kämpfen hat, vermitteln ein durchweg menschliches Bild, weit jenseits der duchgestylten Kunstfigur.

Punk in London (1977)

Tief aus der Schatzkiste kommt diese Doku, die zur Abwechslung mal nicht auf die Ereignisse zurückblickt, sondern mittendrin ist. Nämlich in der Londoner Punk-Szene des Jahres 1977, irgendwo zwischen Protest, Kommerz und der Suche nach der eigenen Identität. Die Low-Budget-Aufnahmen von Bands wie The Clash, X-Ray Spex und The Jam, Fans, Managern und Roadies entfalten eine ganz unmittelbare Faszination – so wie übrigens auch die Dokus Reggae in Babylon, Women in Rock und British Rock, die Regisseur Wolfgang Büld von 1977 bis 1980 drehte. (Dass Büld später Filme wie Manta, Manta und Go Trabi Go 2 – Das war der wilde Osten ins Kino brachte, steht wiederum auf einem ganz anderen Blatt.)

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Bonus: ReMastered – Kollektion

Einen eigenen Artikel verdient hätte die Reihe ReMastered, in der sich ein paar außergewöhnliche Musik-Dokumentarfilme auf Netflix finden. Darin geht es zum Beispiel um mysteriöse Morde und Mordversuche (Who Shot The Sheriff?, Who Killed Jam Master Jay, The Miami Showband Massacre und The Two Killings of Sam Cooke), um Johnny Cash und Richard Nixon (Tricky Dick & The Man in Black), um verlorene Tantiemen (The Lion’s Share) oder den Bluesmusiker Robert Johnson und seinen Pakt mit dem Teufel (Devil at the Crossroads).

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Netflixwoche Redaktion