Stalker Joe trägt in der dritten Staffel von You, du wirst mich lieben seinen Sohn Henry in einer Bauchtasche herum
Analyse

You: Mitfiebern mit einem Stalker

Die erste Staffel You – Du wirst mich lieben erschien im Dezember 2018. Die zweite folge im Dezember 2019. Und die dritte… ? Deren Produktion verzögerte sich aufgrund der anhaltenden Corona-Pandemie, wie bei so vielen anderen Serien und Filme. Nun verrät ein Teaser jedoch, dass die dritte Staffel am 15. Oktober auf Netflix startet. 

Es wird sich zeigen, ob sich Hauptfigur Joe Goldberg dieses Mal trotz frischer Vaterrolle in die Nachbarin verguckt. Das hatte sich im Finale der zweiten Staffel ja angedeutet. Was jedoch relativ klar ist, ist, dass er Grenzen überschreiten wird – so wie er es bislang immer getan hat. 

Joe Goldberg ist ein manipulativer, zutiefst toxischer, insgesamt gefährlicher Typ, der keinerlei Scheu vor Gewalt oder Missbrauch hat und sogar mordet. Dennoch ist die Vorfreude bei der dritten Staffel groß, ihm bei seinen Verbrechen zuzusehen und zu rätseln, wie er aus scheinbar ausweglosen Situationen wieder rauskommen wird.

Aber wieso eigentlich? Warum fiebern Zuschauende mit einem Stalker mit? 

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Der süße Typ von nebenan

Joe Goldberg, ein New Yorker Buchhändler, gespielt von Penn Badgley, ist nüchtern betrachtet ein irrer, angsteinflößender Stalker. Niemand, mit dem man befreundete Personen bekannt machen oder verkuppeln möchte – geschweige denn selbst gern zusammen wäre. 

Fast wurde er in Staffel 1 dabei erwischt, wie er sich im Vorgarten an sich selbst vergeht, während er seine baldige Freundin Beck durchs Fenster beobachtete. So etwas ist eigentlich nicht zu entschuldigen. Wenn es um Joe Goldberg geht, ist das aber beinahe nur ein Kinkerlitzchen. Und da wären wir auch schon mitten im Schlamassel.

Joe wird trotz der perfiden Durchdachtheit all seiner Schritte immer wieder als liebenswerter Trottel dargestellt. Als süßer Typ von nebenan, den man an jeder zweiten Ecke oder nach jedem dritten Swipe kennenlernen könnte. Ein Typ mit vermeintlich guten Absichten, der trotz Hochglanz-Produktion echt wirkt. So echt, dass man beim Zuschauen mit ihm leidet und hofft, dass er seine große Liebe und damit auch ein Zuhause findet. 

Im Herzen gut 

Immer wieder will You vermitteln, dass Joe keine leichte Kindheit hatte, im Herzen jedoch eine gute Seele ist. Das zeigt sich in der ersten Staffel, in der er sich um den kleinen Paco kümmert. Der schüchterne Junge liest gerne, bei sich zu Hause gibt es jedoch nur Streit und keine Ruhe. Joe nimmt sich ihm an, versorgt ihn mit Büchern und gewinnt sein Vertrauen. 

In der zweiten Staffel taucht Joe aus Sorge vor seiner wieder aufgetauchten Ex-Freundin Candice unter dem Namen Will Bettelheim in Los Angeles unter. Hier lernt er ebenfalls ein Nachbarsmädchen kennen, das seine Beschützerinstinkte weckt. Die 15-jährige Ellie hat ihren Vater verloren, sich mit ihrer Mutter zerstritten und ist zu ihrer großen Schwester Delilah, Joes Vermieterin, nach LA gezogen. Ihr großer Traum ist es, Comedy-Autorin zu werden.

Ist Joe also im Herzen gut? Die Serie zeigt eigentlich, dass Menschen wie er allgegenwärtig sind. Sie scheinen romantische und fürsorgliche Typen mit den vermeintlich richtigen Motiven zu sein, die sich ins Zeug legen, um zu gefallen. Doch sie entpuppen sich als toxische Mustermänner.

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Das perfekte Casting

Ein netter Typ, der ein Herz für Ausgestoßene hat und für seine große Liebe alles macht? Diese Beschreibung passt punktgenau auf die Rolle, mit der Schauspieler Penn Badgley seinen Durchbruch hatte: Dan Humphrey aus der Serie Gossip Girl.

Denn als liebenswerter, attraktiver Tollpatsch mit großem Herzen wurde er weltberühmt. Er war sensibel, hatte eine Schwäche für Poesie, aber er war auch ein gebeutelter Außenseiter, Grübler und beschützend seinen Liebsten gegenüber. 

Ein Jahrzehnt später schlägt Badgley mit der Rolle des Joes in eine ähnliche, aber deutlich verbitterte Kerbe. Seine obsessive Liebe wirkt so unendlich, dass sie kaum erwidert werden kann. Sie ist so einnehmend, dass zwischen Romantik und Besessenheit nur noch eine kaum wahrzunehmende Linie verläuft. 

Joe Goldberg profitiert also davon, dass er und seine Probleme den Fans von Gossip Girl seltsam vertraut vorkommen. Das Casting von Badgley sorgt dafür, dass sie ihm vieles verzeihen.

Der Manipulator

Joe ist ein (in seiner Wahrnehmung) hoffnungslosen Romantiker, der Social Media hasst, einen Sinn für Literatur und vermeintliche Gerechtigkeit hat und die große Aufmerksamkeit bei jeder Gelegenheit meidet. Weniger Fuckboy geht nicht. 

Es ist genau diese Unvereinbarkeit, dieser Antagonismus, die Joe gleichzeitig zum Liebling, aber auch zum Bösewicht der Serie macht. So, wie Joe Frauen wie Candice und Beck manipuliert und auf seine Seite zieht, so manipuliert er auch die Zuschauenden. 

Es geht nicht um Joes glückloses Streben nach Liebe, um seine Beziehungen. Es geht um ihn, um seine Psyche, seinen Umgang mit Menschen, die nicht zu befriedigende Gier nach Liebe, seinem Pflichtgefühl gegenüber verletzten, glücklosen Menschen, seinem inneren Kampf mit sich selbst und darum, seine Vorstellung von Moral irgendwie gegenüber sich selbst rechtfertigen zu können. 

Es geht ihm nicht, wie die Serie zunächst suggeriert, um andere, nein, es geht ihm nur um sich selbst. 

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Stalking ist real

Caroline Kepnes, die Autorin des gleichnamigen Romans, auf dem „You“ basiert, hat eine Erklärung dafür, dass sich viele so gut mit Joes Gedanken identifizieren können. Sie würden sich alle manchmal so wie er fühlen, als sei die Welt gegen sie – nur mit dem simplen, aber wichtigen Unterschied, dass sie sich nicht wie Joe verhielten.

Denn was in einem Buch oder einer Serie als spannende Handlung dient, ist in der Realität alles andere als Popcorn-Unterhaltung. Stalking ist eben keine romantische Geste. Wie beängstigend die Erfahrung sein kann, von einer Person verfolgt, penetrant belästigt oder sogar terrorisiert zu werden, davon können auch in Deutschland viel zu viele Menschen erzählen. 

Allein im Jahr 2020 wurden laut Bundeskriminalamt fast 20.000 Fälle von Stalking polizeilich registriert. Die Dunkelziffer dürfte noch bedeutend höher sein. 

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Von
Netflixwoche Redaktion
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Nicola Devico Mamone
Nicola Devico Mamone
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