Weißes Rauschen: Wie Regisseur Noah Baumbach das „unverfilmbare“ Buch verfilmt hat

Ein Beamer wirft Videoaufnahmen von Autounfällen an die Wand. Autos, die herabstürzen. In Flammen aufgehen. Explodieren. Aber achtet nicht auf das Blut und die Glasscherben, rät der Professor seinen Studierenden, während er ihnen die Bilder zeigt. Autounfälle seien ein Teil des amerikanischen Optimismus. Kein Land hat so schöne Autounfälle wie die USA. „Sehen Sie über die Gewalt hinaus“, sagt der Professor. „Es gibt einen wunderbaren, überschwänglichen Geist der Unschuld, des Spaßes.“

Mit dieser Szene beginnt Weißes Rauschen. Es ist die erste Verfilmung von Don DeLillo gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1985. Die Szene setzt den Ton für den Rest der Satire. Katastrophen flirren über den Bildschirm, Blut und Scherben. Dabei ist Weißes Rauschen vor allem eines: absurd-komisch.

Darum geht es in Weißes Rauschen

Jack Gladney (Adam Driver) hat eigentlich keinen Grund, ständig Angst vor dem Tod zu haben. Sein Kleinstadtleben im Amerika der 1980er ist beschaulich und ohne Aufregung. Abends schaut Gladney mit seiner Frau Babette (Greta Gerwig) und den vier Kindern aus vier verschiedenen Ehen fern und isst Fast Food aus Kartons. Am liebsten sehen sie Nachrichten über Katastrophen wie Flugzeugabstürze.

An der Universität unterrichtet Jack „Hitlerologie“ – ein Fach, das er selbst begründet hat. Dabei kann Jack nicht mal Deutsch. Der „Experte für fortgeschrittenen Nazismus“ interessiert sich vor allem für die Oberfläche von Hitler: seine Propaganda, seine Inszenierung. Jack selbst trägt eine Uniform: eine Sonnenbrille, auch im abgedunkelten Hörsaal, und die schwarze Robe der Institutsleiter.

„Ich mag es, meinen Arm aus den Falten des Kleidungsstücks zu befreien, um auf meine Uhr zu schauen“, sagt der Ich-Erzähler Jack im Roman. „Der einfache Akt, die Zeit zu überprüfen, wird durch diese Ausschmückung verwandelt. Dekorative Gesten bringen Romantik in das Leben.“

Jack und Babette sprechen ständig über den Tod. Nachts im Bett diskutieren sie, wer von ihnen beiden stärker leiden würde, wenn der jeweils andere sterben würde.

„Klingt nach einem langweiligen Leben“, sagt Jack an einer Stelle zu seiner Frau Babette, als sie ihre Alltagsprobleme beschreibt.

„Ich hoffe, es wird nie enden“, antwortet sie.

Doch dann kracht ein Lastwagen in einen Zug, der giftige Stoffe transportiert. Jack muss mit seiner Familie fliehen – und das Kartenhaus seiner vermeintlichen Kleinstadt-Idylle bricht zusammen.

Play embedded YouTube video

So unterscheidet sich der Film von der Buchvorlage

Das Buch des New Yorker Autoren Don DeLillo galt lange als unverfilmbar – zu dicht erzählt. Fast jedes Wort in dem postmodernen Roman hat einen doppelten Boden, die Dialoge wirken oft bewusst wie zusammengeklebte Montagen aus Zeitschriften-Fetzen.

Noch dazu wechselt DeLillo in seinem Buch spielerisch zwischen den Genres: Mal wirkt Weißes Rauschen wie ein Liebesdrama, dann wie ein Roadmovie. Es gibt Elemente des Horrors, der politischen Satire und oft erinnert das Set-up an eine Sitcom: Die Kinder sind cleverer als die Erwachsenen, die Alltagssituationen sind absurd, die Running Gags ziehen sich durch die Geschichte.

Der Oscar-prämierte Regisseur Noah Baumbach bleibt dem Roman in jeder Hinsicht treu. Die Szenen und Dialoge sind fast eins zu eins aus der Vorlage übernommen, Baumbach hat fast nichts hinzugefügt und wenig gestrichen.

Die eklektischen Gespräche der Vorlage werden im Film von den Darsteller*innen in einem Stimmenwirrwarr wiedergegeben: Alle reden durcheinander und übereinander und aneinander vorbei. Sie sprechen über das Weltall und den Tod, über das Familienauto, Horoskope und die Stromrechnung, übergangslos und gleichzeitig. Alles ist gleich wichtig, die Giftkatastrophe auf einer Ebene mit der Frage, um wie viel Uhr es Abendessen gibt.

Jacks Patchworkfamilie, von links nach rechts: Sohn Heinrich, Jack, Tochter Steffie, Jacks Ehefrau Babette, der kleine Wilder und Babettes älteste Tochter Denise.

Auch die Genres überlappen sich wie in der Buchvorlage: Als Jack nachts Schwierigkeiten hat, zu schlafen, wird ein verzerrtes Gesicht unter einem Bettlaken zu einer Horror-Szene, die schrille Musik tut ihr Übriges. In der Credits-Sequenz dagegen tanzen die Figuren wie in einem Musical vor bunten Supermarktregalen.

Dieses bewusste Durcheinander erzeugt das titelgebende Grundrauschen: Weißes Rauschen steht in der Physik – sehr verkürzt gesagt – für ein eintöniges Rauschen. Dieses Rauschen kann dem Gehirn unter anderem helfen, Störgeräusche zu unterdrücken. So ähnlich also wie bei Jack, der die Giftgaskatastrophe verdrängt. Als sein Sohn Heinrich ihn auf die Evakuation hinweist, sagt Jack bloß, er habe gar keine Zeit gehabt, auf „die feinen Nuancen“ der Polizeidurchsagen und Sirenen zu achten.

Im Film entsteht dieses Hintergrundrauschen durch die Durchsagen im Supermarkt, die Radioansagen, die sich überlagernden Gespräche, das Summen des Fernsehers, die zu einer einzigen Masse verschmelzen. Unmengen an Daten, doch niemand kann ihnen einen Sinn entlocken.

Wie ein Unikollege von Jack in einer Szene sagt: „Wir brauchen gelegentliche Katastrophen, um das unaufhörliche Bombardement durch Informationen zu durchbrechen.“

Fast prophetisch: Die Themen in Weißes Rauschen sind erschreckend aktuell

Noah Baumbachs Verfilmung wirkt tagesaktuell, ohne dass er eine Zeile der Vorlage aus den 1980ern ändern musste. DeLillo hat über die sinnlose Datensammelwut und die Betäubung durch den Massenkonsum geschrieben, Jahrzehnte bevor es Amazon Prime gab und von „alternativen Fakten“ die Rede war.

Wer heute Weißes Rauschen schaut, wird ständig an die Corona-Pandemie denken müssen. Ein unsichtbares Gift, das über die Luft übertragen wird. Eine Katastrophe, die durch die blinde Panik der Menschen erst wirklich zur Katastrophe wird. Supermärkte, die zu Pilgerstätten werden. Und Familien, die nach der großen Massenpanik fast erschreckend schnell zum Alltag zurückkehren.

Der Supermarkt ist für die Figuren in Weißes Rauschen fast eine Kathedrale. Rechts im Bild: Murray (Don Cheadle), Jacks Freund und Kollege.

„Die Gesellschaft ist nun mal so aufgebaut, leider, dass die Ungebildeten und Armen unter den Folgen von Naturkatastrophen und von Menschen verursachten Katastrophen leiden müssen“, sagt Jack zu Babette. „Hast du je im Fernsehen einen Uniprofessor bei einer Flutkatastrophe seine Straße runter rudern sehen?“ Kurz darauf muss auch er als Uniprofessor sein Haus evakuieren. Und ist heillos überfordert.

„Es stimmt mich traurig, welche Rolle wir bei unseren eigenen Katastrophen spielen“, sagt Jack gegen Ende des Films. „Doch aus dem hartnäckigen Gefühl eines groß angelegten Niedergangs erfinden wir immer wieder Hoffnung.“

Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Netflixwoche Redaktion