Wie konnte Woodstock ‘99 zu so einer Katastrophe werden?

Triggerwarnung: In diesem Text geht es um sexualisierte Gewalt.

Am Tag danach mischt sich die Kloake aus den zerstörten Sanitäranlagen mit der Asche der abgebrannten LKW-Anhänger. Ein paar verlorene Gestalten irren noch über das Festivalgelände. Die meisten Gäste von Woodstock ‘99 sind vorzeitig abgereist – geflohen, möchte man fast sagen. Die übrig gebliebenen Randalierer wurden von den Einsatztruppen abgeführt, die das panische Security-Personal gerufen hatte.

Woodstock ‘99 sollte eine Hommage an Liebe, Freiheit und Frieden werden. Ein Revival des ikonischen Festivals von 1969. Doch es endete in einer Katastrophe. Die neue dreiteilige Doku Absolutes Fiasko: Woodstock ’99 zeichnet nach, wie es so weit kommen konnte.

Zwei Security-Männer in gelben "Peace Patrol"-Schriftzügen tragen eine Frau vom Festival weg.
Woodstock '99 hatte kaum professionelle Security vor Ort, sondern nur eine „Peace Patrol“.

Jede Folge der Doku führt durch einen der Tage des Festivals: Vom Freitag, an dem die Besucher*innen sich noch ein wahres Woodstock erhofften – aber vor Ort auf dem ehemaligen Militärgelände schon von hohen Zäunen und strengen Taschenkontrollen erwartet wurden, bei denen sie sogar ihr Trinkwasser abgeben mussten. Bis zum bitteren Ende am Sonntag.

Play embedded YouTube video

Die große Stärke der Doku sind die eindrucksvollen Originalaufnahmen und die Interviews mit den Menschen, die vor Ort dabei waren.

Wie zum Beispiel mit dem (kurz nach den Doku-Dreharbeiten verstorbenen) Michael Lang, der bereits das legendäre erste Woodstock organisierte. Er wollte 1999 ein Woodstock für eine neue Generation schaffen. Ein Symbol gegen die Waffengewalt der 90er. Mit guter Musik und einer Kerzenandacht zum Abschluss.

Michael Lang musste schmerzlich lernen, dass die Bands der 90er – wie Rage Against the Machine oder Limp Bizkit – nichts mit Flower Power zu tun haben. Und dass es keine gute Idee ist, einem Mob von zugedröhnten, wütenden jungen Menschen Streichhölzer und Kerzen in die Hand zu drücken.

Fred Durst (in der Mitte) von Limp Bizkit hatte bei seinem Konzert keine Lust, das aufgepeitschte Publikum zu beruhigen. Er surfte lieber auf einer von der Masse abgerissenen Absperr-Holzplatte durch die Menge.

Auch John Scher kommt zu Wort, der Woodstock-‘99-Promoter und Produzent an der Seite von Michael Lang. Während er über Profit redet und die Ausschreitungen als Taten weniger Einzelgänger abtut, zeigt die Doku Bilder vom Festival. Von einem Festival, auf dem die Besucher*innen zwischen Müllbergen hausen mussten. Auf dem es kaum Schutz gegen die brennende Sonne und kein sauberes Trinkwasser mehr gab – außer bei den fast leergekauften Ständen, die ihre letzten Wasserflaschen für 12 Dollar das Stück veräußerten. Von Frauen, die beim Crowdsurfing von Männern buchstäblich umzingelt und begrapscht wurden.

Und den Aussagen der Organisatoren gegenüber stehen die Interviews mit anderen Beteiligten.

Jonathan Davis, Leadsänger der Metal-Band Korn zum Beispiel. Dessen wildes Konzert in der ersten Nacht des Festivals gibt einen kleinen Vorgeschmack darauf, wie Woodstock ‘99 enden wird. Oder der Musiker Fatboy Slim, der von dem Schock erzählt, als er erfuhr, dass eine junge Frau während seines Sets von mehreren Männern vergewaltigt wurde, in einem Van mitten im Publikum. Oder die Geschichten der Mitarbeiter*innen des Festivals, die immer wieder versuchten, ihre Chefs zu warnen. Ohne Erfolg.

Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Netflixwoche Redaktion