„So was geht eigentlich nur bei B-Movies“: Die Kleo-Regisseur*innen im Interview

Ein Raver, der glaubt, dass er aus einem anderen Sonnensystem stammt und den Techno auf die Erde bringen soll. Ein Bauunternehmer, der eine gigantische Indoor-Skihalle an der Ostsee hochziehen will. Und ein Tschekist mit Aggressionsproblem und DDR-Tattoo auf dem Rücken. Das sind drei Nebenfiguren aus der neuen Netflix-Serie Kleo, in der Jella Haase eine Stasi-Killerin auf Rachefeldzug spielt. Genauso originell, wie sich die Figurenbeschreibungen lesen, ist die Serie auch inszeniert: Kleo ist eine Mischung aus Drama, Komödie, Groteske. Eine Serie, die aus der DDR Pop macht.

Zum Start der Serie haben wir mit den Kleo-Regisseur*innen Viviane Andereggen und Jano Ben Chaabane ein Interview geführt. Ein Gespräch über Humor, die DDR und B-Movies.

Netflixwoche: Könnt ihr euch noch erinnern, was ihr gedacht habt, als ihr die Drehbücher von Kleo zum ersten Mal gelesen habt?

Jano Ben Chaabane: Ich war direkt Feuer und Flamme, weil ich die Welt, den Humor und die Andersartigkeit darin wahnsinnig ansprechend fand. Es ist bunt, es gibt Gewaltexzesse und eine interessante neue Frauenfigur. Mich hat das total mitgerissen.

In manchen Rezensionen wird Kleo mit Kill Bill verglichen. Ein komischer Vergleich. Wenn Kleo ein Mann wäre, würde doch kein Mensch darauf kommen.

Viviane Andereggen: In einem Artikel kam auch Atomic Blonde vor. Als ich das gelesen habe, habe ich mir gedacht: Es ist natürlich sehr einfach Kleo in eine Reihe mit all diesen Rache-Frauen zu stellen.

Weil es viel weniger Rache-Filme mit Frauen als mit Männern gibt?

Viviane Andereggen: Genau. Anders als in vielen Rache-Filmen ist Kleo auch keine klassische Heroine, die schmerzlos und gefühlskalt ist. Sondern ein sehr menschlicher Charakter. Das macht sie unique.

Play embedded YouTube video

Wenn man die Wörter „Stasi“, „DDR“ und „deutsche Geschichte“ hört, könnte man an eine sehr langsam erzählte, sehr tragische und ernste Geschichte denken. Doch Kleo ist das Gegenteil davon: schnell, laut, humorvoll. Warum tut man sich in Deutschland eigentlich so schwer mit Humor?

Viviane Andereggen: Eine gute Komödie zu machen, ist das Allerschwierigste. Es gibt in Deutschland einige gute Komödien und Regisseur*innen, die komisch sind. Etwa Detlev Buck. Seine frühen Arbeiten finde ich großartig, oder auch Sönke Wortmann. Aber, wenn wir über die DDR sprechen, dann geht es auch um die Frage, wie mit Geschichte umgegangen wird. Wenn die Geschichte noch zu nah ist, wird es mit einem humorvollen Blick darauf schwierig.

Ein humorvoller Blick braucht Distanz?a

Viviane Andereggen: Ich wüsste zum Beispiel nicht, ob es richtig gewesen wäre, eine Serie wie Kleo direkt nach der Wende zu drehen. Humor ist auch eine Frage der Zeit.

Jano Ben Chaabane: Im Team von Kleo gab es niemanden, der in der DDR gelebt hat. Weder die Headautor*innen noch Viviane und ich. Dadurch hatten wir die Möglichkeit, anders auf den Stoff der Serie zu gucken. Und den Gefühlen der Hauptfigur nahezukommen, ohne nur über das System zu sprechen.

Es war also ein Vorteil, dass ihr nicht in der DDR gelebt habt? Weil dadurch einen besseren Blick für das Absurde habt?

Viviane Andereggen: Das würde ich nicht sagen. Auch, wenn wir früher geboren wären und die DDR mitgekriegt hätten, hätten wir eine humorvolle Distanz dazu. Jano und ich haben grundsätzlich einen humorvollen und eher trockenen Blick aufs Leben. Die entscheidende Frage ist nicht: „Habe ich das System miterlebt oder nicht?“ Sondern: „Wie schaue ich aufs Leben?“

Wer hat diese Frau gesehen? Jella Haase spielt in Kleo ein Stasi-Killerin auf Rachefeldzug.

Jano Ben Chaabane: Vor Kleo gab es ja auch schon viele andere DDR-Komödien. Das Neue an der Serie ist der Tonfall, in dem wir die Geschichte erzählen: Er reicht von ernst über absurd bis hin zu quatschig und grotesk. So etwas kann man eigentlich nur in der B-Movie-Schiene machen. Bei High-End-Produktionen ist normalerweise alles sehr, sehr glattgebügelt.

Nicht bei Kleo: Die Serie macht aus der DDR Pop.

Viviane Andereggen: Wir hatten beim Dreh die Freiheit, Dinge auszuprobieren. Wir konnten mit Genres spielen und Regeln brechen. Wir haben uns etwa gefragt: Wo können wir das Action-Genre komplett durch den Fleischwolf jagen?

Jano Ben Chaabane: Daran war das gesamte Team beteiligt. Alle haben ihre Ideen eingebracht: die Schauspieler*innen, die Requisite, der Cutter. Wenn wir uns abends die Muster angeschaut haben, haben wir uns oft gedacht: Geil, das wird ja immer absurder!

Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Netflixwoche Redaktion