„Als Regisseurin muss man auch mal loslassen können“

In der dritten Folge der I AM-Serie begleitet Netflix die Schauspielerin Ruby O. Fee (bekannt aus Army of Thieves) auf eine spirituelle Reise – vielleicht auch zu sich selbst, aber vor allem mit sich selbst, mit ihrem inneren Kind. Im Gespräch erzählt die Regisseurin Linda Klinkhammer, wie ein so intimer Film gelingen kann. 

Netflixwoche: Wie seid ihr auf das Thema des Filmes gekommen?

Linda Klinkhammer: Wir haben insgesamt bestimmt zehn Gespräche geführt. Das allererste war ein Spaziergang durch Rubys Biografie, von der Kindheit bis heute. Da gab es Themen, über die Ruby besonders intensiv geredet hat. Ich hab das alle aufgesaugt und gesammelt. In den darauffolgenden Gesprächen haben wir gemeinsam überlegt, was sie umtreibt und ich habe meine Beobachtungen geteilt. Man fängt also an, sich durchzuwühlen und endet dann bei einem Thema. Bei Ruby geht es um die Frage, wer man mal war, wer man heute ist und was dazwischen eigentlich passiert ist. Ein Connecten mit einem früheren Selbst, von dem sie sich entfernt hat, aber das sie gerade nochmal neu entdeckt.

Das Video ist eine Momentaufnahme, wie ein Tagebucheintrag, den Ruby O. Fee in poetischen Worten formuliert. Wie sie sich mit 14 Jahren selbst neu geboren hat. Und wie aus der kleinen Ruby, die ihre Kindheit gemeinsam mit ihrer Mutter in einem ausgebauten Bus in Südamerika und Asien verbrachte, die Ruby wurde, die wir heute kennen: eine schillernde Schauspielerin aus der Großstadt. Im Film I AM not your baby lernen wir endlich die Seite von Ruby kennen, die bisher unter dem Mond im Dschungel geschlafen hat. 

Viel weiß man nicht über Rubys Vergangenheit. Warum will sie jetzt, dass andere das erfahren? 

Ab einem gewissen Punkt in ihrem Leben hat sie sich bewusst entschieden, sich von dem Hippie-Leben zu distanzieren. Dann fing auch ihre Schauspielkarriere an und sie hat sich selbst ein Image geboren, was mit den Problemen aus ihrer Kindheit – also Ausgrenzungserfahrungen in der Schule zum Beispiel – nichts zu tun hat. Aus ihr wurde eine öffentliche Persona, die maximal anschlussfähig ist. Die stylisch ist. Eben genau so, wie man sie heute wahrnimmt, wenn man nichts weiß von ihrer Kindheit. Und jetzt hat sie eine Phase, in der sie sich zurückbesinnt. In der sie den Teil von sich selbst wieder integrieren will.

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Warum erzählt sie ihre Geschichte nicht zum Beispiel selbst über ihren Instagram-Account?

Die I AM-Reihe war für sie eher ein Ort, um von ihrem Leben zu erzählen. Ein sehr künstlerisches Format, in dem man Dinge auch auf sehr indirekte Weise erzählen kann. Der Film bietet eine Möglichkeit, schwierige Themen zu zeigen und Gefühle rüberzubringen, ohne etwas konkret ansprechen zu müssen. Es ist eine poetische Erzählform, die Freiraum lässt.

Ein Hotelzimmer, gedimmtes Licht, ein großes Bett mit vielen Decken. Unter ihnen zwei Personen, Ruby und Ruby, wie sie sich im Arm halten, wie sie lauschen oder versuchen, gerade das nicht zu tun. Da sind Stimmen im Hintergrund, Schluchzen, Stampfen. Sie halten sich im Arm, ganz fest, als hätten sie nur sich selbst. 

Die Intimität in diesem Moment wirkt ungespielt. Wie war die Verbindung zwischen Ruby und der Kinderdarstellerin Mirle Schimpf hinter der Kamera?

Die haben sofort geklickt. Mirle, ihre Mutter, Ruby und ich haben am Tag vor dem Dreh einen Ausflug in einen Freizeitpark in Berlin gemacht. Einfach einen Tag Achterbahn fahren, sich annähern und Scham und Hemmungen abbauen. Und es hat keine Stunde gedauert, da waren sich die beiden schon total nah. Alle Aufnahmen, in denen sie kuscheln oder sich im Arm halten, waren dann überhaupt kein Problem. Und das war auch super wichtig, denn wir hatten nur zwei Drehtage ohne Probe und waren darauf angewiesen, dass das direkt funktioniert. 

Wie seid ihr auf Mirle als Mini-Ruby gekommen?

Das war total verrückt. Wir haben einen Castingaufruf auf Social Media gestartet mit Kinderbildern von Ruby. Und ich sag’s mal so: Ich bin keine Influencerin. In meiner Base hat das nicht zum Bewerbungsansturm geführt. Aber als Ruby das dann in ihrem Profil gepostet hat ging es echt ab. Wir haben unfassbar viele Bewerbungen geschickt bekommen. Und dann haben wir die Mirle gefunden, die ja ein absolutes Ruby-Lookalike ist. Und auch noch eine fantastische Schauspielerin. 

Einen Teil ihrer Reise teilen Ruby und Ruby mit zwei Freundinnen, die sie mit ihrem Auto an einer Bushaltestelle aufsammeln und mit denen sie sich auf den Weg zu einem Hotel machen. Während der Fahrt unterhalten sich die drei, die auch im echten Leben Freundinnen sind, über Rubys Leben. Über die Goa-Festivals, zu denen sie ihre Mutter früher begleitet hat, über das, was für Ruby Zuhause bedeutet. Die drei lachen zusammen, streichen sich die Haare aus dem Gesicht, fahren in Richtung Sonne. 

Wie kam es zu dieser so natürlich wirkenden Szene?

Wir wollten in der Folge mit Ruby kein klassisches Interview. Die Idee war, dass man die Fragen in die Spielhandlung mit einbaut. Sie sollte mit ihren Freundinnen einfach Auto fahren und sich unterhalten. Eine Momentaufnahme, in der man die drei spürt. Die Gespräche waren nicht gescripted. Ich habe sie bloß ein bisschen gelenkt. Ich saß hinten im Kofferraum im Auto und habe manchmal Gesprächsthemen oder Fragen eingeworfen. Aber eigentlich habe ich sie freestylen lassen.

Als Regisseurin muss man die Dinge also auch mal einfach so passieren lassen?

Ich glaube, es führt oft zu einer Lebendigkeit, dass man trotz aller Planungen den Zufall zulässt. Das ist eine Philosophie, die ich vom Dokumentarfilm mitgenommen habe. Dass der Job von der Regie auch ist, die Weichen zu stellen und alle Vorkehrungen zu treffen, dass Magie entstehen kann. Sowas passiert nicht einfach so. Man muss alle Rahmenbedingungen herstellen. Und dann aber auch mal loslassen können und einfach gucken, was daraus so entsteht.

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Netflixwoche Redaktion