Die Original-Geschichte von Pinocchio ist viel grausamer, als du sie in Erinnerung hast

Es war einmal eine kleine, garstige Holzpuppe namens Pinocchio. Pinocchio log und betrog, nutzte seinen Vater Geppetto aus, klaute und prügelte sich. Für seine bösen Taten wurde er erstochen, ausgepeitscht, ausgehungert, ins Gefängnis gesteckt und von einem Hai gefressen. Doch umgebracht hat ihn das alles nicht. Erst nach fünfzehn Kurzgeschichten über Pinocchio hatte sein Autor Carlo Collodi genug von seiner Schöpfung und erhängte seine ungezogene Holzpuppe an einem Baum:

„Ein stürmischer Nordwind begann zu blasen und wütend zu brausen, und er schlug die arme Puppe von einer Seite zur anderen und ließ sie heftig schwingen, wie das Klappern einer Glocke, die zur Hochzeit läutet. Und das Schaukeln verursachte ihm grauenhafte Krämpfe ... Der Atem stockte ihm und er konnte nichts mehr sagen. Er schloss die Augen, öffnete den Mund, streckte die Beine aus, gab ein langes Seufzen von sich und hing steif und ohne etwas zu spüren.“

Mit diesen Worten endet die italienische Originalfassung der Pinocchio-Geschichten von Carlo Collodi im Jahr 1883. Zumindest vorerst – Collodis kindliche Leserschaft war entsetzt. Der Verleger verlangte neue Pinocchio-Geschichten. Und bitte doch nicht ganz so brutal.

Wer jetzt denkt, Collodi muss Kinder gehasst haben, hat höchstens in Teilen recht. Die Original-Version kann zwar an Sadismus mit Struwwelpeter und Grimms Märchen mithalten. Doch wer genau hinschaut, wird sehen: Pinocchio ist eigentlich eine moderne Geschichte.

Die größten Unterschiede zwischen der Vorlage und den Verfilmungen

Guillermo del Toros Pinocchio ist vermutlich eine der düstersten Pinoccho-Verfilmungen. Del Toro erzählt von Tod und Trauer, Krieg und Armut. Pinocchio wird in seiner Version unter anderem von Diktator Benito Mussolini zum Tode verurteilt und muss im Schützengraben mit jungen Soldaten trainieren. Doch im Kern ist del Toros Geschichte eine Erzählung über die Liebe zwischen einem Vater und seinem Sohn.

Im Original ist diese Liebe sehr einseitig. Und Geppetto – ein trinkender, bitterarmer Schreiner, der sich bereits in der ersten Kurzgeschichte mit einem Nachbarn prügelt – bereut schnell, Pinocchio geschnitzt zu haben.

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Eigentlich wollte Gepetto nur aus einem Holzscheit ein liebenswertes Püppchen schaffen – doch schon während des Schnitzens geht alles schief. Die Nase ist zu lang und spitz, die Augen glotzen starr und frech, der Mund schneidet Grimassen, lacht den Meister aus und streckt ihm die Zunge heraus.

Carlo Collodi beendet das Kapitel mit der Warnung: „Guter Vater Gepetto, das war nur ein schwacher Anfang. Wenn du ahnen könntest, was für Sorgen und Leiden dein Zauberhampelmann noch über dich bringt, du müsstest völlig verzweifeln.“

Der Satiriker Carlo Collodi veröffentlichte Pinocchios Abenteuer von 1881-1883 in der neu geschaffenen Kinder-Wochenzeitschrift Giornale dei bambini. Seine Warnung aus der ersten Geschichte nimmt er ernst: Pinocchio ist gierig, selbstsüchtig und gemein. Einmal bringen seine Lügen Gepetto sogar ins Gefängnis: Pinocchio behauptet, der alte Mann habe ihn misshandelt.

Doch Gepetto ist oft erstaunlich liebenswürdig zu seinem ungezogenen Holzkind. Als er aus dem Gefängnis zurückkommt, gibt er dem hungrigen Pinocchio drei Birnen – sein eigenes Frühstück. Pinocchio fordert prompt, sein Vater solle die Birnen auch noch für ihn schälen.

Gepetto und Pinocchio in Guillermo del Toros Pinocchio.
Deutlich liebenswerter als im Original: Die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Gepetto und Pinocchio in Guillermo del Toro's Pinocchio.

Viele der heute noch berühmten Figuren aus Pinocchios Abenteuern kommen schon im Original vor: die Fee und der Fuchs, die Katze und die Grille. Nur hat die Grille im Original keinen Namen – und Pinocchio erschlägt sie aus Wut, als sie ihm widerspricht. Zur Strafe verbrennen seine Beine zu Asche.

Natürlich lügt Pinocchio auch – aber deutlich seltener, als man annehmen würde bei einer Puppe, die für ihre Lügen berühmt ist. Erst Walt Disney machte eine Szene, in der Pinocchio lügt und seine Nase wächst, zum zentralen Motiv seiner Zeichentrick-Verfilmung.

Disney mochte das Original von Carlo Collodi nicht besonders: zu brutal, nicht für ein Massenpublikum und schon gar nicht für Kinder geeignet. Disney verpasste Pinocchio den Lederhosen-Look und machte aus dem kindlichen Gelegenheitsverbrecher einen liebenswerten, wenn auch naiven Jungen.

Im Original von Collodi gehen das Lügen und die wachsende Nase von Pinocchio unter seinen anderen, böseren Missetaten unter. Die Moral seiner Geschichten ist eine andere.

Jung, korrupt, hungrig: Pinocchios Italien

Carlo Lorenzini – wie der Autor von Pinocchio eigentlich heißt – wuchs in Florenz auf. Er nahm den Künstlernamen Carlo Collodi an und begann seine Karriere als politischer Essayist und Satiriker. Erst mit 50 begann er, auch für Kinder zu schreiben.

Zu dieser Zeit war Italien gerade erst ein vereintes Land geworden, und die Suche nach einer gemeinsamen nationalen Identität formt auch Pinocchios Abenteuer. Collodi verpackt seine Kritik an den großen Problemen seines Landes in Pinocchios Kindergeschichten.

Ein zentrales Thema sind Armut und Hunger. Pinocchio ist ständig besorgt, ob er wohl genug zu Essen finden wird. Immer wieder hungert er. Carlo Collodi kannte echten Hunger aus seiner eigenen Kindheit. Er war das älteste von zehn Kindern. Neben ihm überlebten nur drei seiner Geschwister bis ins Erwachsenenalter.

Ein zweites zentrales Thema von Pinocchios Abenteuern: Korruption und Gerechtigkeit. Collodi, ein überzeugter Demokrat, macht sich über die Gier der Unternehmer, die Bestechlichkeit der Gerichte und die Arroganz und Unfähigkeit der Politik lustig.

In einer der Geschichte klauen der Fuchs und die Katze Pinocchio vier Goldmünzen. Pinocchio zieht daraufhin vor Gericht. Der Richter ist ein Affe, der „wegen seines ehrbaren Alters, seines weißen Bartes und vor allem wegen seiner mit Gold umrandeten Brille ohne Gläser respektiert wird.“ Die sinnlose, goldene Brille ist pure Angeberei: Seht her, wie viel Geld ich habe.

Eine Theaterszene aus Guillermo del Toros Pinocchio.
Del Toros Verfilmung versetzt Collodis Geschichte in das faschistische Italien: Pinocchio soll vor Mussolini auftreten.

Die Geschichte endet damit, dass Pinocchio selbst ins Gefängnis geworfen wird. Die fragwürdige Begründung des Affen: Pinocchio sei ja Opfer eines Verbrechens – und damit auch schuldig. Wenig später wird eine allgemeine Amnestie erlassen. Alle Häftlinge werden aus dem Gefängnis entlassen – außer Pinocchio. Weil er ja kein Verbrecher sei, habe er auch kein Anrecht darauf, freigelassen zu werden. Pinocchio muss erst den Gefängniswärter überzeugen, dass er ein echter Gauner ist, bevor er entlassen wird.

Auch deswegen kommt Guillermo del Toros Pinocchio dem Original trotz aller Unterschiede am nächsten. Del Toro hat die Geschichte in das faschistische Italien der 1930er Jahre verlegt und erzählt auch vom Aufstieg des Diktators Benito Mussolini. So wie Collodi warnt auch del Toro davor, was passiert, wenn Dummheit und Gier regieren und wenn Menschen blind gehorchen. Lass dich nicht wie eine Marionette an den Fäden führen: So lässt sich die Moral der Geschichte zusammenfassen.

Pinocchios Fehlverhalten ist bei Collodi eine Warnung: Unsere Kinder werden zu Pinocchios, wenn wir sie nicht richtig erziehen und bilden. Denn ohne Bildung, argumentiert die Grille in Pinocchios Abenteuern, wächst man zum „Esel“ heran.

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Netflixwoche Redaktion