Clark Olofsson: Ein Wahnsinnsleben im Schnelldurchlauf

Die Leben charismatischer Gangster, die ihren Verfolgern ein Schnippchen ums andere schlagen, die immer wieder mit krummen Dingern durchkommen, geben meist guten Stoff für sehenswerte Filme her. Man denke an Leonardo DiCaprio als genialer Hochstapler Frank Abagnale in Catch me if you can oder Johnny Depp als Drogenbaron George Jung im ach so traurig endenden Meisterwerk Blow. Kein Wunder, dass die irre Geschichte des Schweden Clark Olofsson regelrecht nach einem filmischen Denkmal geschrien hat.

Ein paar Eckdaten zu Olofssons Leben, nur als kurzer Rundumschlag: diverse Verurteilungen für zahlreiche Banküberfälle, Körperverletzung, versuchten Mord, Drogenschmuggel; mehr als 30 Jahre Aufenthalte in Gefängnissen; mindestens fünf erfolgreiche Gefängnisausbrüche; zwei Verlobungen, eine Ehe, sechs Kinder.

All das und noch viel mehr aus diesem Wahnsinnsleben behandelt die Miniserie Clark, die am 5. Mai auf Netflix startet. Chronologisch arbeitet sie Olofssons Leben auf, Auftakt im Bauch der Mutter. Dort sagt Fötus Clark kurz vor seiner Geburt schräg grinsend: „Ich war noch nie gerne eingesperrt.” Damit ist der Ton gesetzt zur knalligen Inszenierung, die sich Regisseur Jonas Åkerlund für das Biopic zurechtgelegt hat. Und wenn Åkerlund eines kann, dann knallig-bunt, schnell geschnitten und dicht am Irrsinn zu inszenieren. Nicht zufällig ist er durch seine Musikvideos für Metallica, The Rolling Stones, Rammstein und viele mehr bekannter als für seine Spielfilme.

Der wahre Ursprung des Stockholm-Syndroms

Außerdem ist Clark Olofsson der Mann, auf dessen Geschichte der Begriff „Stockholm-Syndrom“ zurückgeht – das psychologische Paradox, bei dem Gefangene beginnen, sich stark mit ihrem Geiselnehmer zu identifizieren und sogar zu verbünden.

So geschehen während eines Banküberfalls in Stockholm 1973: Bankräuber Jan-Erik Olsson hielt vier Geiseln in einer Bank gefangen und forderte von der Polizei, seinen Komplizen Clark Olofsson an den Tatort zu bringen. Was die Polizei dann auch erfüllte. Sechs Tage lang waren die Geiseln gezwungen, mit Olsson und Olofsson im Tresorraum der Bank zu bleiben.

Dann geschah etwas Unglaubliches: Eine der Geiseln, die 23-jährige Kristin Enmark, rief den schwedischen Ministerpräsidenten an und sagte: „Ich vertraue Clark und dem Räuber voll und ganz. Sie haben uns nichts angetan. Im Gegenteil, sie sind sehr nett gewesen. Aber ich habe Angst, dass die Polizei uns angreift und wir dabei sterben.“ Die Geiseln baten darum, mit ihren Geiselnehmern fliehen zu dürfen.

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In der Miniserie sehen wir, wie Clark mit „Kicki“ – Kristin Enmarks Name wurde für die Serie geändert – flirtet, sie fast küsst, ihr sagt, dass er sie liebt. Und sie scheint seine Gefühle zu erwidern.

Doch im echten Leben gibt es zwei Versionen dieser Geschichte. Die eine ist die des Kriminalpsychologen Nils Bejero. Er versuchte auf Bitten der Polizei, das seltsame Verhalten der Geiseln zu erklären. Wer umarmt schon zum Abschied seinen Geiselnehmer? Bejero sprach von Gehirnwäsche und nannte das Phänomen  „Norrmalmstorg-Syndrom“. Später wurde seine Theorie unter dem Begriff Stockholm-Syndrom weltweit bekannt.

Die andere Seite der Geschichte

Aber in der psychiatrischen Forschung ist das Phänomen sehr umstritten. Die Erklärung – leicht manipulierbare, meist weibliche Geisel verliebt sich in charmanten Verbrecher – ist zu einfach, kritisieren Forscher:innen. PTBS, Gehirnwäsche und Überlebenstechniken werden wild vermischt.

Und der Psychiater Bejero hatte es für seine These nicht einmal für nötig gehalten, die Geiseln zu untersuchen. Kristen Enmark sagte später selbst, sie habe strategisch eine Beziehung zu den Entführern aufgebaut.

Clark greift diesen Zwiespalt auf, als Clark Olofssons Biograf ihm vorwirft: „Du nutzt die Menschen aus, Clark. Wenn du keine Verwendung mehr für sie hast, schmeißt du sie raus und ziehst weiter. Du machst dir nie die Mühe, sie zu fragen, wie sie sich fühlen. Und sie fühlen sich deinetwegen beschissen.“

Doch ernste Momente wie dieser sind in Clark die Ausnahme: Bill Skarsgård spielt Clark mit Charme und Leichtigkeit. Sein düsteres Repertoire, gestählt in seiner Rolle als Horror-Clown Pennywise in Stephen Kings Es, kann Skarsgård getrost in der Schublade lassen. Stattdessen darf er in aller Spitzbübigkeit als Clark den Satz sagen, der das Leben des Celebrity-Ganoven ganz gut beschreibt: „Wenn ich schon nicht der Beste von den Guten sein kann, dann bin ich wenigstens der Beste von den Bösen.” 

Und der echte Clark Olofsson? Ist mittlerweile 75 Jahre alt, lebt in Schweden und ist seit Mai 2018 ein freier Mann. Wenn man so auf sein Leben blickt, muss das allerdings nicht zwingend so bleiben.

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Netflixwoche Redaktion