„Darüber redet man in Deutschland nicht“ – Die Macher von King of Stonks im Gespräch

Ihre Serie How to sell Drugs online (fast) war ein internationaler Hit. Mit Shows wie Neo Magazin Royale oder Roche & Böhmermann haben sie zig Preise gewonnen, darunter zwölf Grimme-Preise und acht Deutsche Fernsehpreise. Und mit ihrer neuen Produktion King of Stonks sind sie zum Start der Serie gleich wieder in den Netflix Top 10 gelandet. Die Produktionsfirma bildundtonfabrik (kurz: btf) hält sich meist lieber im Hintergrund und lässt die Erfolge für sich sprechen. Am Rande des Filmfests München haben die Macher von King of Stonks Netflixwoche aber doch ein Interview gegeben.

Der Produzent und Serienschöpfer Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann kennen sich bereits aus Studienzeiten. Gemeinsam mit Regisseur Jan Bonny haben sie mit King of Stonks eine irrwitzige Geschichte über Aktien, Egos, neues Mafia-Geld und alten Nazi-Reichtum geschaffen.

Im Interview sprechen Käßbohrer, Murmann und Bonny über den Zusammenhang zwischen Esoterik und Narzissmus, über Patriotismus, penisförmige Raketen und darüber, warum wir uns alle auch mal über schlechten Netzempfang freuen sollten.

Von links nach rechts: Philipp Käßbohrer, Produzentin Judith Fülle, Matthias Murmann und Jan Bonny. Foto © Nils Reuter 

Netflixwoche: Anfang des Jahres wurde das Mobiliar aus der Wirecard-Zentrale zwangsversteigert: Topfpflanzen, Bürostühle, Kaffeemaschinen. Habt ihr da zufällig mitgeboten?

Philipp Käßbohrer: Da hatten wir leider schon abgedreht. Aber ich sag mal so: Die Möbelauswahl der CableCash AG war ebenso pragmatisch.

Alles sieht sehr funktional, sehr hässlich aus.

Philipp Käßbohrer: In Deutschland wird Big Business eben in Mehrzweckräumen gemacht. Wenn man Glück hat, gibt es Fenster.

Jan Bonny: Ich würde nicht sagen, dass das hässlich ist. Das Mobiliar von CableCash wirkt auf uns einfach sehr vertraut.

Vertraut?

Jan Bonny: King of Stonks hat zwar ein angelsächsisches Tempo, aber die Serie spielt trotzdem in einer deutschen Welt. Man sieht die praktischen Mülleimer und die Standard-IKEA-Pflanzen und plötzlich merkt man, wer wir eigentlich sind. In amerikanischen Filmen geht das nicht. Da wirkt alles ein wenig entrückt und sieht nach einer größeren Welt aus.

Matthias Murmann: Deswegen spielt die Serie auch nicht in Berlin, München oder Frankfurt, sondern in Düsseldorf.

Was hat denn gegen Berlin gesprochen?

Jan Bonny: Hinter Berlin setzt man sofort einen Haken. Es gibt ja mittlerweile fast zwei Berlins. Ein echtes und ein Meta-Film-Berlin.

Philipp Käßbohrer: Berlin wird mehr und mehr zu dem Klischee, das man aus Filmen über Berlin kennt. Das kennt man ja auch von Städten wie New York. Wahrscheinlich hat man dort für die Touristen inzwischen Nebelmaschinen unter den Gullydeckeln installiert, damit es so aussieht wie im Film.

Play embedded YouTube video

CableCash gilt in King of Stonks als Deutschlands große Tech-Hoffnung. Das klingt schon komisch. Immerhin leben wir in einem Land, in dem es nicht einmal flächendeckend Netzempfang gibt.

Philipp Käßbohrer: Diese Hoffnung der Deutschen ist ja eher eine Art Minderwertigkeitskomplex. Die Menschen wollen endlich wieder stolz sein und vorne mitspielen. Wie im Fußball. Und dann drückt man eben auch das ein oder andere Auge zu. In der Serie trifft der deutsche Minderwertigkeitskomplex auf den einzigen Minderwertigkeitskomplex der Welt, der noch ein bisschen größer ist: den von Österreich.

Liegt hinter der Wirecard-Geschichte ein latenter Wir-sind-wieder-wer-Patriotismus verborgen?

Jan Bonny: Spätestens mit der WM 2006 ist die deutsche Sonderform des entspannten Patriotismus entstanden, wo man plötzlich den dekorativen Charakter der Deutschlandfahne wiederentdeckt hat. King of Stonks handelt zwar nicht vordergründig davon. Aber es gibt eine spezifisch deutsche Note in der Serie. Und klar: Unsere Figuren haben auch deutliche Anlagen zu ungesundem Narzissmus und Größenwahn. Dass das in Kombination mit leitenden Angestellten aus Österreich zu Katastrophen führen kann, ist ja hinlänglich bekannt.

Philipp Käßbohrer: In der Serie treffen unsere „neureichen“ Figuren auch immer wieder auf altes Geld. Darüber redet man in Deutschland traditionell nicht so gerne. Aus Gründen. Aber auch da befinden wir uns in einem Globalisierungsprozess: Wenn alle anderen penisförmige Raketen in den Weltraum schießen: Wieso dürfen wir das dann nicht?

Der Schwiegervater von Magnus würde von penisförmigen Raketen nichts halten. Er steht in der Serie fürs alte Geld.

Jan Bonny: Genau, für eine Generation von Unternehmern, deren Geld aus aus komplett unsauberen Quellen kommt. Aber da lassen wir nichts drauf kommen, die haben ja in die Hände gespuckt und unser Land wieder aufgebaut. Hab ich so jedenfalls in der Schule gelernt.

Und sind zwischen 1933 und 1945 sehr reich geworden?

Philipp Käßbohrer: Altes Geld ist immer Nazi-Geld. Let’s face it!

Play embedded YouTube video

Gerade Magnus und Felix sprechen in der Serie eine Silicon-Valley-Bullshit-Sprache. Alles muss immer gleich revolutionär sein. Die Firma ist eine Familie.

Matthias Murmann: Wenn man sich in Deutschland umschaut, dann gibt es wenige Menschen im Top-CEO-Level, die so drauf sind wie Magnus. Das hat natürlich großen Spaß gemacht, so eine Figur wie ihn zu schreiben. Eine Figur, die anders ist als der Rest. Und die wie ein verrückter König auf dem Thron sitzt und die Geschicke der Firma mit seiner eigenen Persönlichkeit verknüpft. Etwa, wenn er im Suff plötzlich feststellt: „Ich bin die Aktie!“ Magnus wird wie Elon Musk und Jeff Bezos zur Achillesferse seines eigenen Unternehmens.

Philipp Käßbohrer: Magnus ist ein erwachsenes Kind. Kinder kommen ja als Narzissten zur Welt. Sie denken: Wenn sie die Augen aufmachen, dann gibt es die Welt. Und wenn sie die Augen zumachen, gibt es die Welt nicht. Bei Magnus ist das genauso. Keiner hat ihm beigebracht, dass das nicht stimmt.

Trotzdem mag man Magnus. Auch, weil er sich Dinge traut, die man sich selbst nie trauen würde.

Philipp Käßbohrer: Deswegen schauen wir doch gerne Filme: Wir wollen Figuren sehen, die Entscheidungen treffen, die wir selbst nicht getroffen hätten. Figuren, die losziehen und den Ring in den Vulkan werfen.

So wie Frodo in Herr der Ringe.

Jan Bonny: Auf jeden Fall hat Felix ähnlich wie Frodo alle Hände voll zu tun. Es ist wie bei einem undichten Boot: Von überall fließt Wasser hinein. Und Felix hat nicht genug Finger, um alle Löcher zu stopfen. Wir als Zuschauer müssen dabei nicht immer wissen, was gerade los ist. Weil: Felix weiß es ja auch nicht. Wir sind mit ihm unterwegs und hetzen durch eine Welt, die doch sowieso niemand von uns mehr vollständig durchschaut.

Matthias Murmann: Die Hoffnung ist, dass sich das Schauen der Serie ungefähr so anfühlt wie das Leiten von CableCash.

In der Wohnung von Felixs Eltern gibt es ein großes Glas, in das alle Familienmitglieder einzahlen müssen und aus dem alle Rechnungen bezahlt werden. Sind die Eltern Schuld an Felixs krankhaftem Ehrgeiz?

Philipp Käßbohrer: Eine Anekdote, die unsere Autorin Fabienne Hurst erzählt hat. Sie kannte jemanden, der mit so einem Glas aufgewachsen ist. Das ist schon traumatisch, wenn man so früh lernt, dass man allen etwas wegnimmt, sobald man ins Glas greift.

Jan Bonny: Die Eltern von Felix sind knallharte Kapitalisten. Es geht ihnen eigentlich nur um Besitz und um die Frage: Wer hat den Zugang zu diesem Besitz in der Hand? Der Rest ist bloß Tarnung. Die Hippie-Nummer ist Tarnung, da sind sie nicht die ersten in der Geschichte übrigens.

Tarnung, so wie die Esoterik und Spiritualität von Magnus?

Philipp Käßbohrer: Genau. Kein Mensch läuft durch die Gegend und sagt: „Übrigens, ich bin leidenschaftlicher Narzisst.“ Aber viele Menschen sagen: „Ich habe das Gefühl, dass es eine Bedeutung hat, wenn ich morgens aufwache. Dass der Tag erfolgreich wird, wenn ich dieses oder jenes fühle.“ Das ist auch nur Narzissmus verpackt in esoterisches Kauderwelsch.

„Ich hatte große Lust, so einen extrovertierten Charakter wie Magnus zu spielen“, erzählt Matthias Brandt im Interview über seine Rolle als egomanischer CEO von CableCash.

Glaubt ihr, dass man Narzisst sein muss, um den Kapitalismus durchzuspielen?

Matthias Murmann: Man muss leider sagen, dass die Menge an Arschlochtum, die ein Mensch so mitbringt, stark mit ihrem/seinem Erfolg im kapitalistischen System korreliert…

Philipp Käßbohrer: Und der Kapitalismus hängt ja auch eng mit dem Patriarchat zusammen, das sich solche Schutzmechanismen wie die Totenruhe ausgedacht hat.

Was ist falsch an der Totenruhe?

Philipp Käßbohrer: Wenn jemand gestorben ist, dann sagt man nichts Schlechtes mehr über ihn. Das ist eine total patriarchale Idee, weil ja genau dann herauskäme, was für ein gigantisches Arschloch der Tote war. Steve Jobs, Picasso, you name it.

Magnus verehrt Elon Musk. Immer, wenn er über ihn spricht, verwendet er nur Elon Musks Vornamen. So als wären sie alte Freunde.

Philipp Käßbohrer: Als wir das erste Drehbuch geschrieben haben, haben wir noch darüber diskutiert, ob die Leute überhaupt wissen, welcher Elon gemeint ist. Heute, eineinhalb Jahre später, ist Musk einer der Top-10-Popstars der Welt.  

Jan Bonny: Vor der Tagesschau läuft eine Sendung wie Börse vor acht. Als ob alle Menschen wissen müssten, wie der DAX sich entwickelt hat. Weil man im Leben ja versagt hat, wenn man keine Aktien kauft. Es war doch mal eine anerkannte Haltung, bei dem Blödsinn nicht mitzumachen und sich rauszuhalten aus so einem System. Ganze Singer-Songwriter-Karrieren haben darauf basiert. Heute ist das Gegenteil der Fall, vom hin und her eines Aktienindizes wird genauso aufwendig berichtet wie vom Wetter oder der Weltnachrichtenlage.

Matthias Murmann: Es ist doch irre, dass du in Zeiten von globaler Klimakatastrophe und russischem Angriffskrieg überhaupt noch positives Marketing mit Raketenstarts machen kannst.

Larissa Sirah Herden als Short Sellerin Sheila. „Solche Frauenfiguren gibt es in deutschen Serien und Filmen selten“, erzählt sie im Gespräch mit ihrem Co-Star Thomas Schubert.

Und King of Stonks macht diesen ganzen Irrsinn fassbar?

Jan Bonny: Wir Menschen brauchen nunmal Erzählungen, wir brauchen Geschichten, Filme, Bücher und Serien, um über die Welt reden zu können.

Weil die Welt so komplex geworden ist?

Jan Bonny: Es ist einfacher über Magnus und Felix zu reden, als über die gesamte globale Finanzwirtschaft. Im besten Fall leisten wir mit King of Stonks unseren Teil daran, all das einmal greifbar zu machen. Es gibt wenige Erzählungen, die in einer Welt spielen, in der die Figuren keine finanziellen Probleme haben, aber aus Faulheit und Geldgier eine Menge Probleme für den Rest der Menschheit auslösen.

Magnus und Felix sprechen in der Serie ständig davon, dass Bargeld bald verschwindet und wir nur noch digital zahlen. Aber in Deutschland kommt man ohne Bargeld nicht weit.

Philipp Käßbohrer: Genau, in Castrop-Rauxel brauchst du Bargeld. Sonst kriegst du kein Bier. Und vielleicht ist das auch was Schönes: Dass Deutschland manchmal so ein Bremsklotz ist. Wir wollen doch alle weniger Zeit im Internet verbringen. Also freuen wir uns doch einfach mal ein bisschen über den schlechten Netzempfang.

Jan Bonny: Und damit sind wir wieder beim Anfang. Vielleicht ist das alles gar nicht so hässlich. Vielleicht widersetzt sich so eine angenehme deutsche Trägheit dann doch dem ganz großen Turbokapitalismus.

Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Play embedded YouTube video
Netflixwoche Redaktion