Kämpferinnen: Die Rolle der Frauen im Ersten Weltkrieg

Frankreich im September 1914. Der Erste Weltkrieg ist gerade ein paar Wochen alt und noch ahnt kaum jemand, dass Europas Herrscher ihre Völker vier Jahre lang mit millionenfachem Tod, Leid und Elend überziehen werden.

Es ist – wie Kriege es fast immer waren – ein Krieg der Männer, ein Krieg der Chauvinisten, Monarchisten, Nationalisten. Männer, die sich in Frankreich ebenso wie beim „Erbfeind“ Deutschland anfangs begeistert in die Schlachten stürzen.

„Krieg bekommt mir wie eine Badekur“, hatte Deutschlands Feldmarschall Paul von Hindenburg in schlimmster Groteske formuliert. Ausbaden mussten den Krieg andere. Neben den damals fast ausschließlich männlichen Soldaten auch die Zivilbevölkerung, auch die Frauen.

Vier miteinander verstrickte Frauenschicksale bilden die Storyline der acht Folgen umfassenden neuen Serie Les Combattantes (Kämpferinnen). „Uns hat das Leben von Frauen in dieser turbulenten Zeit interessiert“, sagt Anne Viau, künstlerische Leiterin der Abteilung Fiktion bei TF1. „Die Männer gingen an die Front, aber das Land funktionierte weiter dank der Frauen, die sie in den Fabriken und auf den Feldern ersetzten. Und die in dieser Zeit stark an Unabhängigkeit gewannen.“

Auch wenn die Auswahl der hierfür gewählten Frauencharaktere – Nonne, Hure, Krankenschwester, Fabrikbesitzerin – nicht repräsentativ sein mag, die Mini-Serie ist ein bildgewaltiges Melodrama und Historienspektakel. Und die aufwändige Verfilmung ist eines von nur wenigen fiktionalen Formaten, das sich überhaupt mit der Rolle der Frauen im Ersten Weltkrieg beschäftigt.

Julie de Bona als Nonne und Camille Lou als Krankenschwester in Kämpferinnen.
Julie de Bona als Nonne und Camille Lou als Krankenschwester in Kämpferinnen.

Darum geht es in Kämpferinnen 

Suzanne Faure (Camille Lou), eine junge Krankenschwester im Pariser Salpêtrière-Krankenhaus, hilft Frauen, indem sie illegale Abtreibungen durchführt. Als etwas schief geht und die Polizei sie verhaften will, flieht sie mit Hilfe der Schmugglerin Jeanne Charrier. Die beiden Frauen suchen in einem Bauernhaus Zuflucht, das bald von einer deutschen Patrouille angegriffen wird, die die Bauern und die Schleuserin töten. Suzanne Faure nimmt daraufhin die Identität von Jeanne Charrier an und kommt in einem Kloster unter, das von der französischen Armee beschlagnahmt und in ein Militärkrankenhaus umgewandelt wurde.

In diesem Kloster pflegen Mutter Agnes (Julie de Bona) und ihre Nonnen verwundete Soldaten. Angesichts des sinnlosen Sterbens verliert Mutter Agnes zusehends ihren Glauben.

Zur gleichen Zeit kommt Marguerite de Lancastel (Audrey Fleurot), eine Edelprostituierte aus Paris, in die Region und lässt sich im Bordell von Marcel Dumont (Yannick Choirat) anstellen. Dumont verdächtigt Marguerite, eine deutsche Spionin zu sein. Aber schnell stellt sich heraus, dass Marguerite lediglich auf der Suche nach ihrem Sohn ist, den sie als Kind weggeben musste und der nun als junger Offizier für Frankreich kämpft.

In der nahegelegenen Kleinstadt übernimmt Caroline Dewitt (Sofia Essaïdi) die Leitung der LKW-Fabrik ihres Mannes, als dieser zum Militärdienst eingezogen wird. Caroline versucht, die Fabrik mit den Ehefrauen der Arbeiter in Gang zu halten. Ihr Schwager Charles intrigiert gegen sie, will die Fabrik in seine Hände bringen, auch, um zu verhindern, dass er ebenfalls an die Front geschickt wird. Während Charles die Fabrik in eine Munitionsfabrik umwandeln will, beschließt Caroline, Krankenwagen für die Armee zu produzieren.

Aus diesen Startpositionen heraus entwickeln sich die vier anfangs so unterschiedlich scheinenden Frauenfiguren, kreuzen sich ihre Geschichten. Immer vor dem Hintergrund des Weltkriegs, dessen Schützengräber und Schlachtfelder eine schaurige Kulisse abgeben. Eine schlammverschmutzte, blutige Leinwand, auf der geliebt, betrogen, geholfen, geboren und gestorben wird.

Gedreht wurde zum Teil an Originalschauplätzen des Krieges in den Vogesen. Mit einem Budget von 20 Millionen Euro ausgestattet ging Regisseur Alexandre Laurent in die Vollen: 150 Rollen, 3.000 Statisten, bis zu 200 Statisten pro Szene, bis zu 350 Personen pro Tag am Set, 300 Waffen, 130 Pferde, 200 Fahrzeuge, 1380 Kostüme und 600 Uniformen – beeindruckende Zahlen, die zeigen, was Laurent wichtig war: „Der Große Krieg wird durch die unglaublichen Kulissen und die zahlreichen Kostüme und Uniformen, die für dieses Eintauchen in das frühe 20. Jahrhundert erforderlich sind, originalgetreu wiedergegeben.“ Diese Detailgenauigkeit beim Look & Feel ging so weit, dass für verschmutzte Uniformen Erde von den historischen Kriegsschauplätzen verwendet wurde.

„Ich habe das Gefühl, dass man so etwas noch nicht gesehen hat.“ 

Die vier Hauptdarstellerinnen Camille Lou, Julie de Bona, Audrey Fleurot und Sofia Essaïdi spielen in Frankreich in der ersten Liga. Netflix-Abonnenten sind sie unter anderem aus der Serie Der Basar des Schicksals (ebenfalls ein historisches Melodrama) bekannt. Und es ist kein Zufall, dass das Quartett für Kämpferinnen wieder gemeinsam vor der Kamera stand. 

Produzentin Iris Bucher: „Ich glaube, dass es den Zuschauern gefällt, Schauspieler, die er liebt, in einer neuen Produktion mit ähnlichen Zutaten wiederzusehen. Das wurde in Frankreich noch nie gemacht.“

Audrey Fleurot gefiel besonders der feministische Ansatz des Projekts: „Man hat viel von den Männern in den Schützengräben gesehen, wenn man den Ersten Weltkrieg auf der Leinwand erzählt. Diesmal geschieht es aus der Sicht der Frauen und ich fand es interessant, Frauen zu sehen, die sich in der Fabrikarbeit wiederfanden. Frauen zu sehen, die über Nacht zu Krankenschwestern wurden. Frauen zu sehen, die gezwungen waren, Soldaten von der Front abzuholen. Ich habe das Gefühl, dass man so etwas noch nicht gesehen hat, und das hat mir sehr gefallen.“ Über ihre Besetzung als Prostituierte scherzte sie: „Wenn man rothaarig ist, spielt man wohl immer die Hure oder die Hexe.“

Schauspielerin Audrey Fleurot als Marguerite de Lancastel, eine Edelprostituierte aus Paris.
Schauspielerin Audrey Fleurot als Marguerite de Lancastel, eine Edelprostituierte aus Paris.

Was Kämpferinnen nicht ist

Obwohl die Serie sich bei Kostüm und Ausstattung um größtmögliche historische Genauigkeit bemüht, geht es inhaltlich nicht in erster Linie darum, die Geschehnisse zu Beginn des Ersten Weltkriegs mit dokumentarischer Exaktheit zu erzählen. Warum es zum Ausbruch des Krieges kam, welche Mächte welche Interessen mit Waffengewalt durchsetzen wollten, bleibt im Hintergrund. 

Eine Erklärung für die Kriegsschuldfrage, das verantwortungslose Handeln der mächtigen Männer Europas, steht nicht im Fokus. Anders als beispielsweise in der dänischen Serie 1864, die provokative Thesen zur Kriegsschuldfrage im dänisch-preußischen Krieg von 1864 aufwarf und damit eine breite Diskussion in der dänischen Gesellschaft anstieß, ist Kämpferinnen vor allem eines: gute Unterhaltung à la France. 

Übrigens eine Erzählweise in bester französischer Tradition. Schon Alexandre Dumas (Die drei Musketiere, Der Graf von Monte Christo) wollte sein Publikum auf unterhaltsame Weise mit der französischen Geschichte vertraut machen. Dafür waren ihm bei seinen – wie heutige TV-Serien – als Fortsetzungsgeschichten erschienen historischen Romanen die Fakten nicht so wichtig wie die Figuren und ihre Geschichte. Der Erfolg gibt ihm bis heute recht.

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Netflixwoche Redaktion