Wie das Neo den Western rettete: Eine Genre-Geschichte und sechs Empfehlungen

Jane Campions The Power Of The Dog ist ohne Frage ein Oscar-Kandidat. Er besticht durch das Brechen altbekannter Bilder und Western-Klischees: nie radikal, nie offensichtlich, sondern mit feiner Hand und großem Gespür für die Widersprüche des Genres. Klassische Gut-Böse-Bilder und eindimensionale Figuren findet man in dem Film nicht. Stattdessen verwebt Campion bekannte Konventionen und neue Ideen zu einem zeitgemäßen Film über toxische Männlichkeit.

Mit ihrem neuen Geniestreich folgt Campion anderen großen Regisseur*innen, die mit den Konventionen des Westerns spielten. Sechs davon stellen wir hier vor. Doch woher stammen diese erzählerischen Regeln überhaupt? Und welche Auswirkungen haben sie bis heute auf Filmemacher*innen, die sich an diesem klassischen Genre versuchen? Eine kleine Genre-Geschichte – und sechs große Empfehlungen.

Warum Amis den Western liebten

Der Western ist eines der ältesten Genres überhaupt. Seine Geschichte beginnt weit vor der Popularisierung des Kinos. Bereits im 19. Jahrhundert zogen abenteuerliche Erzählungen aus dem gesetzlosen Westen die Leser*innen von Magazinen und Romanen im vermeintlich zivilisierten Osten in ihren Bann. Wenig später fanden sie ihren Weg auch nach Hollywood.

Zu Beginn des ersten Film-Booms der 1920er Jahre fahndete die Industrie fieberhaft nach publikumswirksamen Geschichten. Damals wetteiferten zahlreiche mehr oder weniger neue Massenmedien wie Groschenromane, reißerische Zeitungen, Radio, Comics und Kino um die Aufmerksamkeit des Publikums. Gleichzeitig fehlte es an kreativen Köpfen, die Stoffe für die noch neue Popkultur-Industrie entwickeln konnten. Man brauchte frische Geschichten, und man brauchte sie jetzt. Die beste Methode, um die Nachfrage des Publikums zu stillen? Großzügig im Repertoire bekannter und erfolgreicher Genres anderer Medien wildern! Ein bekannter Mechanismus, der bereits bei anderen Medien wie dem Zeitungs-Comic-Strip oder dem Radio zu beobachten war. Auch diese griffen auf bestehende Storys zurück und passten sie den Formaten und der Sprache ihres Mediums an. 

Ein Beispiel: Den burlesken Humor des Vaudeville-Theaters und dessen erfolgreichste Routinen übersetzten Zeichner*innen in Comic-Strips. Das Timing von Gags und die Anatomie der Pointen, die sie dort fanden, inspirierten die größten Erfolge der Comic-Ära zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Umgekehrt versammelten sich die großen Stars der New Yorker Vaudeville-Bühnen vor den Mikrofonen der ersten Radiosender, um ein landesweites Millionenpublikum zu unterhalten. Und noch eines: Die Helden der Abenteuer-Comic-Strips waren nach den erzählerischen Blaupausen der Groschenromane entworfen, die Plots und Bösewichte daraus kopiert. Die ersten Radioserien pflückten sich aus Pulp-Romanen, wie man in den USA sagt, und Comic-Strips einen Strauß an Genre-Versatzstücken, um schnell und ohne Aufwand neue Geschichten in den Äther feuern zu können.

Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren ein turbulentes popkulturelles Experiment. Erzählerische Ideen sprudelten zwar aus den verschiedensten neuen Medien. Unter der Oberfläche waren ihre Wurzeln jedoch eng miteinander verwoben. Was in einem Medium funktionierte, wurde nur leicht umgeschrieben und wieder in die Welt geschleudert. Alles, was zum Hit wurde, wanderte weiter ins nächste Medium. So schliffen sich tiefe Furchen in das kollektive popkulturelle Bewusstsein, erzählerische Konventionen und Genreklischees verfestigten sich immer mehr. Einige besonders tiefe Spuren in der nationalen Psyche hinterließ dabei der Western als amerikanischstes aller Genres: Geschichten von der „Frontier“ waren beliebt wie nichts sonst.

Die Faszination des Wilden Westens

Die Frontier war jene Zone, die seit Beginn der Kolonisierung des Kontinents stetig gen Westen wanderte. Ein diffuser geographischer Ort zwischen Zivilisation und ungezähmter Wildnis, der die Fantasie beflügelte. Er lockte mit dem Versprechen von Freiheit, Neuanfang und Verwirklichung, bot aber auch Raum für gewaltvolle Abenteuer. Die Widrigkeiten der Frontier faszinierten ebenso wie ihre Verheißungen. Mit emotionalen Reiseberichten malten Autor*innen der Leserschaft zu Hause Bilder eines wilden Landes, in dem sich wahre Männer gegen Naturgewalten und feindlich gesinnte Ureinwohner zur Wehr setzen mussten. Zunächst westlich des Appalachen-Gebirges, später westlich des Mississippi begann eine Welt, in der Staatsgewalt noch nicht einengte, in der Gesetze erst noch geschrieben werden mussten. Es war ein Land, in dessen Weite man sich verlieren konnte.

Die Faszination des amerikanischen Publikums für den gesetzlosen Helden nahm dort ihren Anfang. Schillernde Berichte von überlebensgroßen Charakteren wie Wild Bill Hickock, Jesse James und Billy The Kid formten den Mythos des selbstbestimmten Outlaws, der mit der Waffe in der Hand und dem Pferd zwischen den Beinen im Westen jene Freiheit genoss, die im gesitteten Osten der USA nicht mehr möglich schien. Die reißerischen Artikel erhoben diese Männer zu Legenden. Groschenromane verzerrten in den darauffolgenden Jahren das Bild des Westens zusätzlich. Sie simplifizierten die Wirklichkeit und bauschten Geschichten auf, um mit Erzählungen von Gewalt und Heldenmut die Leserschaft in den Bann zu ziehen. 

Mit einfachen und vorhersehbaren Formeln wurden diese Romanhefte in Fließbandproduktion erzeugt. Millionenfach verkaufte Exemplare von tausenden Titeln gossen das Fundament, auf das alle weiteren Western aufbauen würden. Sie waren selten historisch akkurat. Aber ihre Version der Realität fand ein Publikum. Mutige Cowboys und brutale Wilde, tugendhafte Gesetzestreue und skrupellose Outlaws, das sind nur einige der Stereotype, die in der Echokammer der Massenunterhaltung erschaffen wurden und sich immer weiter fortpflanzten. Entstanden in Groschenromanen. Aufgegriffen in Radioserien und Comicstrips. Vollendet in der Goldenen Ära des Hollywood-Westerns.

Western als Zuflucht vor der Zensur

Der sogenannte Hays Code verstärkte die simplistischen Darstellungen von Gut und Böse weiter. Der Hays Code war eine strenge Industrieregel, an die sich alle großen Filmstudios zu halten hatten. Er bestimmte ab 1934, was genau in Hollywoods Werken dargestellt werden durfte. Nachdem zuvor eine Reihe von Filmen angeblich Kriminalität glorifiziert und provokant Geschlechterrollen hinterfragt hatten, übten konservative Organisationen Druck auf Hollywood aus. Sünde und Laster sollte endlich Einhalt geboten werden. Diese Einschränkung war möglich, weil Filme nach einem Urteil des Obersten Gerichtshof von 1915 nicht in die in den USA sonst so heilige Meinungsfreiheit eingeschlossen waren. Um einer tatsächlichen Zensur zuvorzukommen, knebelte sich die Branche mit dem Hays Code einfach selbst. Die Vorgaben waren streng: Kriminalität und Unmoral durften nie in einem positiven Licht erscheinen. Filme durften nur „tugendhafte Lebensweisen“ abbilden. Mischehen und Homosexualität waren absolute Tabuthemen. Besonders interessant: Rache als Motivation für Handlungen eines Helden war verboten, ebenso die Glorifizierung von Gewalt. Allerdings gab es eine entscheidende Fußnote. Historische Settings waren von diesem Regelwerk ausgenommen. Rache durfte im Western fortbestehen, Gewalt als probates Mittel der Konfliktlösung ebenso. Zumindest solange der Held – meist erkennbar am weißen Cowboyhut – am Ende als Sieger das Duell verlassen konnte. 

So manifestierte sich der Western als ein ganz besonderes Genre, tief verwurzelt in der amerikanischen Erfahrung und der Unterwerfung des Kontinents, gewachsen aus den Mythen dieser Ära und den ersten Auswüchsen der Massenkultur.

Es dauerte lange, bis Western mit diesen geschriebenen wie ungeschriebenen – Regeln brachen. Die folgende Auswahl von sechs Western tut das ganz bewusst. Jeder Film verkörpert auf seine Art die Abkehr von Erzähltraditionen und Konventionen des Genres. Trotz dieser Abkehr zelebrieren sie aber nicht weniger die symbolträchtigen Bilder des Westerns und schreiben seine Geschichte so fort.  

Für eine Handvoll Dollar (1964) 

Was ist noch zu sagen über Sergio Leones Klassiker? Der italienische Filmemacher war großer Western-Fan, empfand die Filme, die seit den Fünfzigern in den USA gedreht wurden, aber als Zumutung. Der Hays Code, der noch bis 1967 (!) in Kraft war, hatte jede Kreativität erstickt. Die immer gleichen Erzählmuster hatten sich erschöpft. Neue Ideen mussten her. Seine Antwort war Für eine Handvoll Dollar . Die maßgebliche Inspiration lieferte dabei ein Samurai-Film: Akira Kurosawas Yojimbo – Der Leibwächter über einen abgehalfterten Ronin, der sich zwischen die Fronten eines Kleinkrieges verfeindeter Gangsterclans begibt.  

Diese Geschichte wurde umgeschrieben in ein Western-Setting, in dem zwei Schmugglerbanden zum blutigen Kräftemessen antreten. Clint Eastwood wurde in die Hauptrolle gecastet. Die Explosionen von Gewalt standen in krassem Gegensatz zu den Genrekonventionen der vorhergegangenen Ära. Für eine Handvoll Dollar wurde von der amerikanischen Filmkritik belächelt, die ihn als uninspirierte Parodie sah. Der mittlerweile ikonische Soundtrack von Großmeister Ennio Morricone wurde als befremdliches Gedudel abgetan. Umso bezeichnender, dass Sergio Leones visuell revolutionärer Western mit seinen Regelbrüchen eine neue Western-Ära einläutete: In den USA erlebte eine neue Generation von Filmschaffenden, was möglich war. Und in Italien war Für eine Handvoll Dollar die Geburtsstunde eines neuen Subgenres: Italo- oder Spaghetti-Western.

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Das Finstere Tal (2014)

Vielen Konventionen des Westerns bleibt Das finstere Tal treu. Dennoch ist der Film von Regisseur Andreas Prochaska ein Genre-Kleinod. Seine Verfilmung des gleichnamigen Romans folgt einem unbekannten Fremden namens Greider, der in ein abgelegenes Dorf reitet. In der Kälte des Winters legt er sich mit dem mächtigen Chef des Dorfes an. Die Gründe für die Konfrontation werden erst allmählich klar... Was auf den ersten Blick wie ein typischer Vertreter des Winterwestern-Subgenres wirkt, hat einen interessanten Dreh: Das titelgebende Tal liegt in den österreichischen Alpen.

Im Gegensatz zu anderen hier aufgeführten Titeln lebt Prochaskas Alpenwestern von bekannten Erzähltraditionen. Die Figurenkonstellationen und die Handlungsstränge sind bekannt. Weil die Basics bekannt sind, kann der findige Regisseur darüber aber wie ein Jazz-Musiker improvisieren und neue Melodien finden. Das Ergebnis ist ein Schneewestern mit der Wucht eines Lawinenabgangs. Wie Tobias Moratti in der Rolle des machthungrigen Dorftyrannen glänzt, zeigt endgültig, dass auch das Spiel mit den Konventionen brillante, neue Ergebnisse liefern kann.

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The Hateful 8 (2015)    

Mit Django Unchained hatte Quentin Tarantino einen ersten Ausflug ins Terrain des Western unternommen. Die Versatzstücke hatte er aufgegriffen, in unnachahmlicher Weise jongliert und als Rachestory samt Verweisen auf die rassistischen Wurzeln des Genres neu zusammengesetzt. Den Black Western zitierte er mit seinem Django ebenso wie den Italo-Western. Mit The Hateful 8 krempelte er das Genre erneut um, wie nur er es kann. Er wollte bei dem Film unbedingt das Breitwandformat von 2,75:1 nutzen, das in der goldenen Western-Ära für unvergessliche Kinoerlebnisse sorgte. Ganz klassisch. Dass er die große Leinwand jedoch nicht nutzt, um grandiose Landschaften einzufangen, sondern vor allem ein dialoglastiges Kammerspiel inszeniert, ist so verschroben wie genial.

Die Figuren in The Hateful 8 sind einzigartig. Zwar wirken Charaktere wie der Outlaw, der Kopfgeldjäger, der General oder der Marshall aus jahrzehntelanger Historie sehr vertraut. Doch Tarantino dreht und wendet sie in seinem so gewalttätigen wie unterhaltsamen Mystery-Western unentwegt und zeigt damit immer neue Facetten der Figuren. Dass Tarantino zudem einen klugen Kommentar auf die Gegenwart liefert, macht diesen ungewöhnlichen Western zu einem seiner stärksten Filme.

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The Ballad of Buster Scruggs (2018)

Wenige Filme schaffen es, die Widersprüche des amerikanischen Mythos einzufangen wie The Ballad Of Buster Scruggs. Der Humor in dieser Western-Anthologie der Coen-Brüder ist trocken und böse, die simple Moral von Gut und Böse wird immer wieder ins Visier genommen. Da brechen mörderisch veranlagte Revolverhelden in Gesang aus, erhalten Outlaws ganz unromantisch ihr jähes Ende durch den Galgen, enden Liebeshoffnungen so nüchtern wie brutal. 

Der Tod zeigt sich in vielen Formen in den sechs kurzweiligen Filmen dieser Anthologie. Von den romantischen Aspekten der Frontier bleibt dagegen wenig übrig: Heldentum hat hier keinen Platz. Denn mit makabren Seitenhieben wird das übliche Westernpathos beiseite geschoben, während ironische Kniffe etliche Genrekonventionen zerlegen. Die Coens kennen die klassischen Bilder gut. Und nur was man kennt, kann man anschließend derart genussvoll auf den Kopf stellen. 

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The Harder They Fall (2021)

Lange Zeit war der Schwarze Western nur eine Randerscheinung. Umso erfreulicher, dass Regisseur Jeymes Samuel gemeinsam mit Produzent Jay-Z den alten Gaul neu sattelt. Die Sprache des Genres kennt Samuel bestens, er zitiert mühelos die Klassiker. Eine Prise harter Italo-Western, eine Spur One-Liner kauende Helden, dazu eine Handvoll historisch verbürgter Berühmtheiten des Wilden Westens – die Bühne ist bereitet. Auf diese Bühne preschtThe Harder They Fall dann mit elektrisierender Energie und setzt dort ein mächtiges Statement gegen systemischen Rassismus und Geschichtsglättung. Die farbkorrigierte Version der üblichen Westernmythen war überfällig!

Von der ersten Minute an gibt es ungestüme, blutige Action. Sie wird untermalt von einem pumpenden Reggae- und HipHop-Soundtrack. Der Film ist vor allem eines: unterhaltsam und kurzweilig. So besetzt Samuel ganz selbstverständlich ein Terrain, von dem Schwarze Filmemacher*innen und Darsteller*innen so lange ausgegrenzt wurden.

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The Power of the Dog (2021)

Filmemacherin Jane Campion gelingt mit The Power of the Dog ein beeindruckendes Kunststück. Sie verneigt sich tief vor den Konventionen des Genres, fällt vor ihnen sogar auf die Knie. Jedoch nur, um sie anschließend unaufhörlich zu untergraben. Wir befinden uns im Jahr 1920, die Frontier ist bereits seit 30 Jahren offiziell geschlossen. Die beiden ungleichen Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George (Jesse Plemons) verkörpern grundverschiedene Geisteshaltungen. Phil ist nostalgisch in der Vergangenheit des Wilden Westens verhaftet und lehnt vehement alles Neue und Moderne ab. Als George mit seiner neuen Frau und deren unmännlich wirkendem Sprössling auf die idyllische Ranch zieht, kommt das brüderliche Gleichgewicht ins Wanken. 

In poetischen und eleganten Bildern beschwört Campion zwar die Romantik des Wilden Westens, aber die doppelten Böden in der Psyche ihrer Figuren widersetzen sich einfachen Gut-Böse-Bildern. Die sonst so raue Männlichkeit des Western wird bei Phil zur toxischen Attitüde. Doch wie bei allen Figuren in The Power of the Dog ist sie nur Ausdruck tiefsitzender, unterdrückter Wünsche und Triebe. In dem gesamten Film wird keine einzige Waffe gezogen, dennoch schwelt ständig Bedrohlichkeit. So buddelt dieser sehr lyrische Western ein tiefes Loch im Hinterhof des Genres – um seine Konventionen darin für immer zu vergraben.

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Netflixwoche Redaktion