„Die Überlebenschancen stehen schlecht“: Ein Survival-Experte über Keep Breathing

In unserer neuen Rubrik Reality Check stellen wir die ungewöhnlichsten Netflix-Serien auf den Prüfstand und fragen Menschen, die es wissen müssen: „Sag mal, wie realistisch ist das eigentlich?“

Heute schauen wir uns die Serie Keep Breathing an. Der Plot: Eine junge Anwältin aus New York überlebt einen Flugzeugabsturz und muss sich allein durch die Wildnis Kanadas schlagen. Dafür haben wir uns den Survival-Experten Maurice Ressel eingeladen, der in Eberswalde die Jagd- und Wildnisschule Lupus betreibt.

Ein Gespräch über giftige Beeren, Willenskraft und den brasilianischen Regenwald, wo alle Organismen wie auf Drogen sind.

Netflixwoche: Kann man als Survival-Experte überhaupt Serien wie Keep Breathing schauen? Da fallen einem doch bestimmt nur die Fehler auf.

Maurice Ressel: Klar, es gibt ein paar Dinge, über die man stolpert, wenn man Ahnung von Survival hat. Aber die Serie ist sehr gut recherchiert. Die meisten Survival-Tipps aus der Serie würden auch im echten Leben funktionieren. Und ganz ehrlich: Ich musste bestimmt bei zwei, drei Folgen weinen.

Echt?

Maurice Ressel: Liv und ich haben einen ähnlichen Background. Ihre Geschichte ist meine Geschichte. Ich habe auch psychisch kranke Familienmitglieder gehabt und bin durch die Scheiße gegangen. Doch, wer in seinem Leben schon viel durchgestanden hat, hat auch eine hohe psychische Belastbarkeit. Und die kann dir in der Wildnis das Leben retten. Dein Kopf ist dein stärkstes Survival-Tool. Wenn du Ruhe bewahrst, wenn du so wie Liv ein bisschen aggressiv bist und wenn du eine gute Verbindung zu dir selbst hast, steigen deine Überlebenschancen.

Liv ist doch durch und durch ein Stadtmensch.

Maurice Ressel: Aber sie ist mental sehr stark. Sie hat Willenskraft. Wenn du in der Wildnis keinen kühlen Kopf bewahrst, wenn du in Panik gerätst, dann kannst du vorher so viele Survival-Bücher gelesen haben, wie du willst: Du wirst trotzdem alles vergessen!

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Liv will nicht nur sich selbst retten. Sondern auch ihr Baby. Sie ist schwanger.

In der Wildnis brauchst du ein Ziel. Ich will zurück zu meiner Familie. Ich will mein Baby retten. Mich hält nichts auf. Ich finde den Weg. Man muss mit sich selbst in einen positiven Dialog treten.

Liv geht sehr logisch vor. Als sie in die Mitte eines Sees schwimmen muss, schwimmt sie nicht einfach los. Sondern sucht erst nach einem Stück Treibholz, an dem sie sich festhalten kann. Falls sie plötzlich keine Kraft mehr haben sollte.

Maurice Ressel: Genau! Wenn sie das nicht gemacht hätte, wäre sie höchstwahrscheinlich gestorben. Ich kenne das auch aus meiner eigenen Geschichte: Wenn du in der Wildnis bist, kommt plötzlich so eine Intuition wieder. Ein Wissen, das dir hilft zu überleben. Survival ist auch Logik und Kreativität. Für die Basics brauchst nicht einmal Bücher lesen.

Wäre jetzt wahrscheinlich lieber zu Hause: Liv Rivera muss sich in Keep Breathing allein durch die kanadische Wildnis schlagen.

An einer anderen Stelle in der Serie findet Liv wilde Beeren. Sie weiß nicht, welche Sorten giftig sind. Deshalb probiert sie nur wenige Beeren von jedem Strauch. Würdest du das auch so machen?

Maurice Ressel: Ich würde sogar noch weniger essen. Nur eine am Tag.

Nur eine einzige Beere am Tag?

Maurice Ressel: Ja. Eine essen. Dann gucken, was passiert. Dann zwei essen. Und wieder gucken. Bei wilden Beeren muss man vorsichtig sein. So wie bei den Früchten der Eibe. Du isst die Beeren der Eibe und denkst dir: „Boah, die ist ja voll süß, richtig gut, den Kern esse ich gleich mit!“ Und dann isst du fünf Kerne und steckt in richtigen Schwierigkeiten.

Wie viele Menschen in Deutschland würden überleben, wenn man sie so wie Liv irgendwo in der kanadischen Wildnis aussetzt?

Maurice Ressel: Das würden nicht viele überleben. Die Chancen stehen schlecht. Sehr schlecht. Für mich unter bestimmten Umständen auch.

Die meisten Menschen würden wahrscheinlich schon daran scheitern, in einem dichten Wald eine gerade Linie zu laufen.

Maurice Ressel: Das kann kein Mensch auf der Welt. Um eine gerade Linie zu laufen, brauchst du einen Orientierungspunkt. Oder einen Kompass. Deswegen habe ich immer einen Kompass dabei, wenn ich in der Wildnis bin. Es ist neben dem Messer das wichtigste Survival-Tool.

Es ist also unmöglich, eine gerade Linie in einem Wald zu laufen?

Maurice Ressel: Du kannst dich mit dem Rücken an einen Baum stellen und zwei andere Bäume anpeilen, die genau auf einer Geraden liegen und dich so durch den Wald hangeln. Oder du lässt dir morgens die Sonne auf die eine Wangen scheinen lassen, mittags auf die Nase und abends auf die andere Wange. Dann läufst du im Zickzack. Das ist immer noch besser, als im Kreis zu laufen.

In der kanadischen Wildnis ist das Netz mitunter schlechter als in Deutschland.

Was war die härteste Survival-Erfahrung deines Lebens?

Maurice Ressel: Danakil-Senke, Äthiopien: 52 Grad Celsius im Schatten. Ein unwirklicher Ort. Das sieht da aus wie auf dem Mars.

Oha! Wie steht man das durch?

Maurice Ressel: Im Kopf! Wenn du dir sagst: „Es ist zu heiß“, dann ist es auch zu heiß. Dann bist du fertig. Aber, wenn du dir sagst: „Die Hitze ist Kälte“, dann geht die Temperatur in deinem Kopf von 52 Grad auf 25 Grad Celsius herunter. Es ist immer die Geschichte, die du dir erzählst. Wenn deine Geschichte schwach ist — ciao!

Aber so eine hohe Temperatur hält doch kein Mensch aus.

Maurice Ressel: Natürlich gibt es körperliche Limits. Irgendwann dehydrierst du. Das steht außer Frage bei solchen Extremsituationen. Du musst dich richtig verhalten. Bei 52 Grad Celsius im Schatten kannst du keinen 150-Meter-Sprint machen, sonst kollabierst du. Ich bin da auch schon kollabiert.

Du hast über ein halbes Jahr bei indigenen Menschen im brasilianischen Urwald gelebt.

Maurice Ressel: Brasilien ist das krasse Gegenteil zur äthiopischen Wüste. Die Biodiversität explodiert. Alle drehen durch.

Wie meinst du das?

Maurice Ressel: Einerseits gibt es im Urwald eine Fülle an Nahrungsmitteln. Andererseits hat fast jede Pflanze, jedes Tier, jedes Insekt irgendeinen Abwehrmechanismus. Du hast das Gefühl: Alle Organismen sind auf Drogen und halten dir ihre Knarren an den Kopf. Der brasilianische Urwald ist der Hammer!

Gute Laune sieht anders aus: Liv schleppt Feuerholz zu ihrem Unterstand

Als Liv es schafft, endlich ein Feuer zu machen, freut sie sich so wie noch nie in ihrem Leben. Sind unsere Emotionen in der Wildnis stärker?

Maurice Ressel: Ja, klar. Nicht nur, wenn man in einer Notsituation ist wie Liv. Auch auf einer Expedition nimmst du alles um dich herum viel unmittelbarer wahr. Du bist von niemandem abhängig. Weder von deinem Arbeitgeber noch von irgendwelchen Dienstleistungen, die dir erbracht werden.

Liv denkt in der Wildnis über ihr gesamtes Leben nach.

Maurice Ressel: Eigentlich erzählt Keep Breathing ja davon, dass unser Leben endlich ist. Du wirst sterben, sagt uns die Serie. Du hast nicht viel Zeit. Aber weil der Tod so abstrakt ist, begreifen wir oft erst wie wertvoll jede Sekunde ist, wenn es zu spät ist. Das ist das Paradoxon. Denn es kann sein, dass du in den letzten Minuten deines Lebens so intensiv fühlst und denkst wie nie zuvor. Denn es wird dir gewahr, was du im Leben verpasst hast und wie wertvoll es ist. Das ist schade. 

Liv hat lieber gearbeitet, als ihren sterbenden Vater zu besuchen.

Maurice Ressel: Ich habe die letzte Folge von Keep Breathing noch nicht geschaut. Aber, wenn Liv das alles überlebt, wird sie vielleicht ihren Job als Anwältin kündigen. Sie wird auf Festivals fahren. Und sagen: Scheiß auf so viel Arbeit! Ich will leben!

Sie wird lernen, was wirklich zählt im Leben?

Survival ist eine riesige Chance, genau das wahrzunehmen. In der Wildnis lernst du, selbstständig zu sein und jede Sekunde zu genießen. Du erkennst, wo du im Leben hinwillst, was dir wichtig ist und was dich glücklich macht.

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Netflixwoche Redaktion