Die kleinen großen Lügen der Emily in Paris

Kurzer Blick nach draußen: immer noch Corona-Alltag. Da kommt es gerade recht, dass auch die zweite Staffel von Emily in Paris der Tristesse ihre ganz eigene Realität entgegenhält. Die Hauptfigur Emily Cooper, eine Marketing-Expertin aus Chicago, lebt in einer Welt der grenzenlosen Freiheit. Diese Welt, erdacht von Sex And The City-Schöpfer Darren Starr, ist voller Farbe und Lebensfreude. Connaisseur*innen der französischen Lebensart wird sie gelegentlich überdreht erscheinen – der Künstler René Magritte hätte vermutlich gesagt: Ceci n’est pas Paris. Doch genau das macht Emily in Paris so besonders: die kleinen großen Lügen über Paris und das Leben, die so charmant daherkommen, dass wir sie gerne mitnehmen, ohne sie auch nur eine Sekunde lang wirklich zu glauben.

Parlez-Vous Anglais?

Wer Paris oder das übrige Frankreich bereits bereist hat, kennt das Problem: Mit Englisch kommt man nicht weiter. Selbst wenn Englisch irgendwann mal auf dem Schulplan stand, die meisten Französ*innen scheinen einfach keine Lust zu haben, das Wissen anzuwenden. Warum auch? Französisch ist eine der schönsten Sprachen der Welt. Das wird auch in der Serie zum Thema, aber in der Emily-Version. Sie landet nach einigen Verständigungsproblemen in einem Französischkurs. Für ihren Job wäre das aber gar nicht nötig gewesen: In ihrem Agenturalltag wird Englisch gesprochen – selbst dann noch, wenn nur Französ*innen im Raum sind. 

Haute Couture, so weit das Auge reicht

Manchmal lässt einen Emily in Paris glauben, man befinde sich nicht in Paris, sondern mitten im Karneval von Rio – so bunt und verrückt sind die Outfits, in denen die Hauptfiguren ihrem Alltag nachgehen. Statt Louboutin-Heels und Prada-Täschchen wird hier das ganz große Haute Couture-Arsenal aufgefahren, also die Art von Mode, die einfach zu extravagant für den Alltag ist. Emily ist das egal. Sie wechselt ihre schrille Garderobe an einem Tag häufiger als Madonna während eines Konzerts. Das wiederum wirft die Frage auf: Wo lagert sie all diese Teile? Die Kleiderstange in ihrem Apartment dürfte gerade mal Nachschub für einen halben Tag liefern. 

St. Tropez ist überall

In Paris Lebende kennen eine Gewissheit: Es gibt die französische Hauptstadt und daneben eigentlich nur noch Provinz. Darren Starr findet dafür die passenden Bilder – auf seine Weise. Er lässt Emily in Staffel zwei nach St. Tropez reisen, aber nicht im pfeilschnellen TGV, sondern im historischen Bummelzug. Damit kommt sie allerdings nicht bis ans Ziel. Überraschung: Es gibt keinen Bahnhof in St. Tropez! Emily kann das egal sein. Sie hat das legendäre Grand Hotel Cap Ferrat gebucht. Und das befindet sich nicht in St. Tropez, sondern rund zwei Stunden entfernt in der Nähe von Nizza. Bei Emily und ihren Freundinnen fühlen sich diese zwei Stunden an, als wären sie ein ganzes Wochenende an der Mittelmeerküste unterwegs. Wir lernen: Paris ist Paris und St. Tropez die gesamte Côte d’Azur. Geografie? Egal, wenn alles so hübsch ist.

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So schön leer hier 

Manch eine Totale des Pariser Straßenlebens wirft Zweifel auf. Ist Emilys Alltag etwa doch nicht so weit weg von unserer pandemischen Realität? Die Straßen und Boulevards wirken jedenfalls so leer, als befinde sich Paris im Super-Lockdown. Das überschaubare Geschehen soll wohl die Pariser Sehenswürdigkeiten noch prachtvoller erscheinen lassen – oder die Protagonist*innen noch schöner. Bleibt nur die Frage: Wo stecken die ganzen normalen Leute? 

Fine Dining 

Ein Grundprinzip des RomCom-Genres: Alle Träume können wahr werden. Dank dieses Prinzips landen etliche Luxusmarken und Topfotografinnen wie Ellen von Unwerth bei Emilys vergleichsweise kleiner Agentur. Das Bistro ihres Traummannes avanciert zur Spitzengastronomie. Und das ist noch lange nicht das Ende: In der zweiten Staffel verwandelt sich ein öffentlicher Platz in ein privates Open-Air-Esszimmer. Paris ist eben immer noch ein Sehnsuchtsort, an dem sich Regeln und Gesetze leichter wegfantasieren lassen als überall sonst.

Es ist ja nur Sex…

Wenn uns romantische Komödien und vor allem Darren Stars letzter großer Serienerfolg Sex And The City etwas gelehrt haben, dann das: Es ist nie nur Sex! Es mag unkompliziert beginnen, doch das dramatische Potenzial vermeintlich unverbindlicher Bettgeschichten liefert regelmäßig irrwitzige Episodenstoffe. Ohne spoilern zu wollen: Auch Emily kommt da nicht drumrum, aber es bleibt wundervoll harmlos. Ihre Herausforderung ist, mit der Anziehung zu ihrem Lieblingskoch Gabriel das Vertrauen ihrer Freundin Camille nicht aufs Spiel zu setzen. Im Verlauf dieser Dreiecksgeschichte werden Seitensprünge immer wieder als „Sex, der niemandem wehtut“ verklärt. Eine größere kleinere Lüge gibt es wohl nicht. Aber als Romantiker*innen nehmen wir sie gerne mit, klar.

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Netflixwoche Redaktion