Von Godzilla bis Alice in Borderland: Das sind die besten Titel aus Japan auf Netflix

Auf Netflix kann man sich Filme auf über 25 Originalsprachen anschauen. Die Auswahl reicht von „Polnisch“ über „Koreanisch“ bis hin zu „Telugu“. In unserer Serie „Nur mit Untertiteln“ stellen wir Euch Länder vor, in denen zwar irre gute Filme gedreht werden — doch über die man in Deutschland zu wenig spricht. Dieses Mal: Japan.

Die Ampel springt auf grün und auf der Kreuzung tummeln sich unzählige Menschen. Sie rempeln sich durch die Massen und über die geschäftigste Kreuzung der Welt, beleuchtet von riesigen Reklametafeln, Bildschirmen und Neonlichtern.

Wir befinden uns nicht auf dem Times Square in New York, sondern auf der Shibuya Kreuzung in Tokio. Der videospielbesessene Arisu kämpft sich zur anderen Straßenseite, dort warten seine Freunde Chōta und Karube. Wo die drei hinkommen, folgt Ärger – wenige Minuten später verstecken sie sich vor der Polizei in der Bahnhofstoilette.

Als sie wieder aus dem Gebäude treten, finden sie ausgestorbene Straßen. Wo eben noch tausende Menschen liefen, weht nur noch der Wind Müll über die verlassene Kreuzung.

Eine Reklametafel leitet sie zur „Game Arena“. Dort werden sie in eine Welt mit tödlichen Videospiel-Kämpfen geworfen. So beginnt die Netflix-Serie Alice in Borderland.

Die japanische Serie gilt noch immer als Geheimtipp. Und das, obwohl sie schon mit der ersten Staffel sofort in die Top 10 eingestiegen ist.

Das fasst auch Japan als Filmland ganz gut zusammen: Der Inselstaat hat eine erfolgreiche, diverse Filmlandschaft mit Einfluss und Geschichte – und trotzdem wird japanischer Film immer noch unterschätzt.

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Die Anfänge: Krieg, Zensur und Spezialeffekte

Die Filmindustrie in Japan ist alt. Schon Ende des 19. Jahrhunderts experimentieren die Japaner*innen mit ersten Filmkameras Wie in Frankreich, Großbritannien und den USA entstehen auch hier bald Stummfilme.

Doch in den 1930ern übernimmt das Ministerium für Propaganda strenge Kontrolle und macht aus den zehn bestehenden Filmstudios zwei große Produktionsgesellschaften. Im Zweiten Weltkrieg zensiert das Ministerium Kritik an der kaiserlichen Regierung und fördert Filme, die das japanische Militär feiern.

Da Echtaufnahmen für Kriegsfilme schwer zu bekommen sind, passen sich japanische Filmemacher*innen an und entwickeln beeindruckende Spezialeffekte. Ihre Fähigkeiten sollen später anderen Einsatz finden.

Doch zuerst folgt ein nächster Umbruch für den Film in Japan: die amerikanische Besatzung ab 1945. Die konsolidierten Produktionsgesellschaften werden wieder aufgebrochen; viele kleinere Filmstudios sollen den kapitalistischen Wettbewerb fördern. 

Auch die Zensur kehrt ins Negativ: Antidemokratisches Gedankengut wird verboten, stattdessen werden neue Filme gefördert, die Demokratie und Freiheit zum Thema machen sollen. Die Kriegsfilme der vorigen Jahre werden von der Besatzung beschlagnahmt und zerstört. Hunderte Filme gehen verloren.

Die ersten fünfzig Jahre seiner Geschichte wird japanischer Film instrumentalisiert, zensiert und zerstört. Und doch entsteht eine reiche Filmkultur mit innovativen Techniken und einzigartigen Konventionen, die auch Hollywood bis heute beeinflusst.

Yasujirō Ozu: Ein Meister der Geduld

Yasujirō Ozu (1903 – 1963) hat all diese Umbrüche miterlebt und ging als Meister des klassischen japanischen Kinos aus ihnen hervor. Er inszeniert schon 1927 seinen ersten Stummfilm.

Unter dem Ministerium für Propaganda werden jedoch auch seine Drehbücher und Filme zunehmend zensiert. Schließlich wird er selbst ins Militär eingezogen. Die Jahre im Krieg prägen ihn und seine Vision für japanischen Film. 

Tokyo Story (1953)

Unter der amerikanischen Besatzung produziert Yasujirō Ozu schließlich seine bekanntesten Filme: Late Spring (1949), Early Summer (1951) und Tokyo Story (1953). Sie veranschaulichen das klassische japanische Kino: Weite Einstellungen zeigen langsame Szenen, die Ritualen gleichen; Figuren weichen einem leeren Raum, der mit Ruhe und Geduld der Zen-Ästhetik folgt.

Akira Kurosawa: Auf der internationalen Leinwand

Regisseur Akira Kurosawa (1910 – 1998) wächst mit seinen Filmen weit über die Epoche des klassischen Kinos hinaus. Auch er beginnt schon vor dem Krieg in der Industrie zu arbeiten und kehrt unter der amerikanischen Besatzung wieder zurück hinter die Kamera.

Mit seinem Samurai-Film Rashomon (1951) gewinnt er unerwartet den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig. Darauf folgt der erste Oscar für einen japanischen Film. Kurosawa spielt mit Blickpunkten, Wahrnehmungen und Erzählweisen wie niemand vor ihm.

Akira Kurosawa gilt heute als einer der einflussreichsten Regisseure der Filmgeschichte, und das nicht nur in Japan. Er adaptierte westliche Klassiker mit einer japanischen Linse: Aus Shakespeares MacBeth entstand Throne of Blood (1957), aus King Lear wurde Ran (1985). 

Seine epischen Samurai-Filme behaupten ein starkes Erbe. Seven Samurai (1954) hat schon zwei Hollywood-Remakes überlebt. Und The Hidden Fortress (1958) gab Hollywood-Regisseur George Lucas Inspiration und Bildsprache für sein Sci-Fi-Epos Star Wars.

Godzilla: Das Erbe der Atombombe

Doch die Wunden des Kriegs werden nicht nur in Nachkriegsdramen und Historienfilmen verarbeitet. Die im Krieg für Propaganda entwickelten Spezialeffekte eröffnen ein neues Genre: Kaijū -Filme. In Gojira (1954) hat Godzilla seinen ersten Auftritt.

Hinter den Szenen von Gojira (1954)

Es ist unmöglich, Ishiro Hondas Film zu sehen, ohne die Parabel in dem Sci-Fi-Riesenmonster zu erkennen. Godzilla wird durch Atomexplosionen entfesselt. Menschliche Charaktere ringen den ganzen Film über mit den apokalyptischen Folgen der wissenschaftlichen Forschung. So hinterlassen die Atombombenabwürfe von 1945 auf Hiroshima und Nagasaki auch im Blockbuster-Kino Spuren.

Mit den 1970er Jahren wird die japanische Filmindustrie zunehmend professionalisiert. Der Hochi Film Preis und die Japanischen Academy Awards werden ins Leben gerufen. Währenddessen weichen die Kriegsfilme anderen Genres.

Anime: Mehr als Kinderprogramm

Während Comics und Zeichentrick in Deutschland oft noch als Kinderkram abgetan werden, begeistern japanische Animationsstudios schon seit den 1980ern jede Altersgruppe, bedienen jedes Genre. So erzählt der Kultfilm Nausicaä of the Valley of the Wind (1984) zum Beispiel vom Kampf gegen die Umweltverschmutzung. Und die Motorrad-Actionszenen des Cyperpunk-Klassikers Akira (1988) wurden mittlerweile in unzähligen Hollywood Filmen imitiert.

Mit den 1990ern kommt eine zweite Welle von aufwändigen animierten Fernsehserien. Der Experimentelle Titel Neon Genesis Evangelion (1995) bietet nicht nur Mecha-Action, sondern diskutiert Theorien der Psychoanalyse nach Sigmund Freud. Und die Kopfgeldjäger im Weltall von Cowboy Bebop (1998) zeigen sich in der Neo-Noir Serie ebenso humorvoll wie skrupellos.

Währenddessen lernen Kinder auf der ganzen Welt japanische Animes zu lieben, mit Serien wie Dragon Ball, One Piece und Naruto.

Unbestrittene Königin des Genres ist heute Studio Ghibli. Die charmanten 2D-Anime-Filme wie Mein Nachbar Totoro (1988) sind schon lange kein Geheimtipp mehr.  

Prinzessin Mononoke (1997) und Das wandelnde Schloss (2003) erobern die Herzen der Fans. Und mit Chihiros Reise ins Zauberland (2003) wurde Regisseur und Studio-Ghibli-Gründer Hayao Miyazaki sogar mit dem Oscar für den besten Animationsfilm ausgezeichnet.

Horror: Zwischen Mythos und Psyche

Neben Animes der größte Exporthit aus Japan: Horror. Die Filme erzählen psychologische Thriller, verwurzelt in den Sagen und Märchen Japans.

Horror-Klassiker wie Ring (1998) von Regisseur Hideo Nakata oder Ju-On: The Grudge (2002) von Takashi Shimizu bekamen beide amerikanische Remakes. Und das Genre ist immer noch beliebt – mit der Serie JU-ON: Origins (2020) wird auf Netflix eine Vorgeschichte des Kultfilms erzählt.

JU-ON: Origins (2020)

Aktuell genießt auch das japanische Drama wieder internationale Aufmerksamkeit. Für Drive My Car (2021) gewann Regisseur Ryusuke Hamaguchi den Oscar für den besten internationalen Film. Der Film kehrt zurück zu den Wurzeln: zum klassischen japanischen Kino und den Gendai-geki (Gegenwartsfilmen) von Yasujirō Ozu.

Auch Alice in Borderland steht in einer reichen Tradition. Regisseur Shinsuke Sato verbindet Action-Sequenzen wie aus Samurai-Filmen mit außergewöhnlichen Spezialeffekten für eine Geschichte, basierend auf einem Sci-Fi-Manga.

Die Serie zeugt von japanischer Filmgeschichte. Eine Geschichte, die zu häufig unterschätzt wird. Und dagegen hilft eigentlich nur: mehr japanische Filme und Serien zu schauen.

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Netflixwoche Redaktion