Deshalb ist Jane Austen heute noch so aktuell

„Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau.“ Der erste Satz aus Jane Austens Roman Stolz und Vorurteil zählt bis heute zu den berühmtesten Zitaten der Literatur. Kein Wunder, denn in den über 200 Jahren seit seiner Veröffentlichung wurde das Buch in rund 40 Sprachen übersetzt und ca. 30 Millionen Mal verkauft.

Adaptionen von Austens Werken ziehen auch zwei Jahrhunderte nach dem Tod der Autorin noch ein Millionenpublikum an. Von  Bridget Jones: Schokolade zum Frühstück bis zur Zombie-Persiflage Stolz und Vorurteil und Zombies entstehen fast jährlich mal mehr, mal weniger Vorlagen-getreue Verfilmungen frei nach Jane Austen. 

Am 15. Juli erscheint die neueste Adaption auf Netflix: Persuasion mit Dakota Johnson als Anne Elliot, die nach vielen Jahren dem Mann wieder begegnet, den sie einst heiraten wollte, bis sie von einer Freundin überredet wird, es nicht zu tun. 

Woher stammt diese moderne Faszination für 200 Jahre alte Romane? Was an Austens Werken fesselt noch heute unsere Aufmerksamkeit? 

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Eine Feministin vor ihrer Zeit 

Das vielleicht wichtigste Element einer Geschichte sind ihre Heldinnen. In Austens Romanen lesen wir über selbstbestimmte Frauen in einer Zeit, die Selbstbestimmung nur sehr bedingt zuließ. Ihr Wunsch nach Sicherheit, Selbstverwirklichung und Liebe ist aber zeitlos. In ihrer Motivation erkennen vor allem viele Leserinnen sich selbst. 

Wenn Lizzy Bennet einen Heiratsantrag von Mr. Collins ablehnt, obwohl er ihr und ihrer Familie Sicherheit bieten würde, dann versteht man das auch heute als eine mutige und riskante Entscheidung. Und wenn Anne Elliot sich eine Ehe mit einem Mann ausreden lässt, den sie eigentlich liebt, dann ist ihr Schmerz für die moderne Leser*innenschaft genauso nachvollziehbar. 

Ihre Schicksale berühren, weil sie mit Widrigkeiten zu kämpfen haben, die auch heute noch nachvollziehbar sind: Der Druck der Gesellschaft. Die Verantwortung gegenüber der Familie. Vorurteile und Lügen. Neugierige Nachbarn. Finanzielle und persönliche Unsicherheit. Und alle Schwierigkeiten, die das Verliebtsein so mit sich bringt. 

Lady Russel (Nikki Amuka-Bird) ist diejenige, die Anne überzeugt, ihre Heiratspläne fallen zu lassen.

Die Figuren aus Jane Austens Romanen kennt auch heute noch jede*r aus dem echten Leben 

Eine Geschichte von Jane Austen hat einen ähnlichen Effekt auf seine Leser*innen wie eine Reality-Show. Zwischen Klassikern wie Stolz und Vorurteil und Trash-TV wie Finger Weg! gibt es Parallelen: Die gerade in ihrer Übertreibung vertrauten Charaktere, denen wir so gerne bei ihrem empörenden Treiben zusehen. 

Wer hat nicht eine Freundin wie Emma, die immer glaubt alles besser zu wissen? Wer kennt nicht einen charmanten Blender wie George Wickham? Oder eine unerträgliche Labertasche wie Miss Bates. Austens Heldinnen hingegen sind in diesem Meer von nervtötenden, kleingeistigen oder intriganten Figuren ein Leuchtturm der Vernunft und der Liebenswürdigkeit.(Mit Ausnahme vielleicht von Emma, die Jane Austen selbst einmal mit den Worten beschrieb: „Ich werde eine Heldin schaffen, die niemand außer mir besonders mögen wird.“) 

Einige dieser Charakterzüge werden offen zur Schau gestellt. Andere sind subtil und geben sich erst nach einiger Zeit und Nachforschung zu erkennen. Eines sind sie immer: realistisch. Die niederen Beweggründe und die edlen Gesinnungen verkommen nie zur Karikatur, sondern bleiben glaubwürdig und nuanciert. Am Ende hat man fast immer das Gefühl, genau so einen Menschen tatsächlich zu kennen. 

Die zeitlose Liebes-Dynamik 

Wer Jane Austens Romane nicht kennt, hat schnell das Wort „Kitsch” bei der Hand. Denn es geht ja schließlich um Liebe und Heiratsanträge. Das mag an der Oberfläche stimmen. Aber gerade die komplexen Dynamiken der Beziehungen sind es, die bis heute am wenigstens an Aktualität eingebüßt haben. Denn in Wahrheit geht es in
Jane-Austen-Geschichten immer um eines: die menschliche Natur. 

Auf den ersten Blick werden einige Klischees bedient: Mr. Darcy ist nicht nur überaus gut aussehend, sondern auch noch vermögend! Ein hervorragender Fang also. Wäre er nicht außerdem kalt und überheblich. Und Mr. Knightley ist – wie der Name schon sagt – ritterlich. Während seine große Liebe, die verwöhnte Emma, schwört, nie zu heiraten. Bis Knightley zu ihr durchdringt, versteht sich. 

So oder ähnliche Charakterbeschreibungen kann man auch auf dem Rücken zahlreicher Groschenromane finden. Sie werden den tatsächlichen Liebesgeschichten in Austens Romanen aber alles andere als gerecht. 

Das liegt zum ein an etwas, das heute oft vergessen wird: Jane Austens Romane waren wegweisend innovativ. Sie erfand Techniken und Charaktere, die in tausenden Geschichten kopiert wurden – und uns deshalb heute wie Klischees erscheinen. Weil sie uns so vertraut sind, als wären sie immer schon da gewesen. 

Zum anderen sind Austens Charaktere und Liebesgeschichten weit komplexer, als die Kurzfassung ihrer Geschichten fassen kann. Tatsächlich ist Emma zwar privilegiert – aber auch warmherzig, klug und selbstständig. Ihre Verwöhntheit lehrt sie vor ihrem Happy End eine bittere Lektion. Und Mr. Darcy ist keineswegs der stereotype, unnahbare Playboy, dem eine Frau das Herz erwärmt. Er macht Fehler, ist unbeholfen. Heute würde man sagen: ein introvertierter Nerd. 

Wenn die Paare bei Austen am Ende zueinander finden, dann haben sie nicht einfach Glück gehabt und es war auch kein Schicksal am Werk. Sondern sie haben eine Entwicklung hinter sich. Sie haben gelernt, für sich einzustehen. Sie haben ihre Fehler erkannt und sind letztendlich zu besseren Versionen ihrer selbst geworden. .

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Netflixwoche Redaktion