„Bloß raus hier, dachte ich mir“: Im Gespräch zur Doku über den Mord an Kalinka Bamberski

Triggerwarnung: In diesem Text geht es um sexualisierte Gewalt.

Februar 1997. Die Investigativ-Journalistin Barbara Völkel sitzt im Zug von München nach Mainz. Beim Blättern durch eine Regionalzeitung stößt sie zufällig auf einen kleinen Artikel: Ein Arzt namens Dr. Dieter Krombach hat ein 16-jähriges Mädchen in seiner Lindauer Praxis betäubt und anschließend vergewaltigt. Das Urteil lautet: zwei Jahre auf Bewährung und Berufsverbot.

Zur selben Zeit tobt eine harte Auseinandersetzung im Bundestag. Es sollte darüber abgestimmt werden, ob Vergewaltigung in der Ehe ein Straftatbestand ist.

Barbara Völkel beschließt, den Täter für ein TV-Interview anzufragen. Es wird das einzige Interview sein, das Dieter Krombach je den Medien weltweit geben wird.

Die weiteren Recherchen der Journalistin ergeben, dass die Vergewaltigung bei weitem kein Einzelfall war: Krombach, so stellt sich später heraus, hat seine 14-jährige Stieftochter Kalinka getötet. Und der Arzt hat zahlreiche weitere Minderjährige und Frauen missbraucht.

Die Fälle kommen nur ans Licht, weil ein Mann nicht locker lässt: André Bamberski, der leibliche Vater des getöteten Mädchens Kalinka. Der Vater verfolgt den Täter über Ländergrenzen hinweg, fast dreißig Jahre lang. Bis Bamberski schließlich zum letzten Mittel greift.

Die True-Crime-Doku Der Mörder meiner Tochter erzählt die Geschichte dieses Vaters und der Menschen, die ihn auf seiner Suche nach Gerechtigkeit begleitet haben. Die ZDF-Redakteurin Barbara Völkel hat den Fall über ein Vierteljahrhundert lang verfolgt. Sie hat nicht nur den Täter interviewt, sondern auch dessen Tochter Diana Krombach, das Opfer von 1997, und André Bamberski. Im Interview mit der Netflixwoche erzählt Barbara Völkel, wie sie den Fall begleitet und erlebt hat.

Die Fernsehredakteurin Barbara Völkel begleitete den Fall über mehr als ein Vierteljahrhundert hinweg. Auf dem schwarz-weiß Foto auf dem mittigen Bildschirm ist Kalinka Bamberski zu sehen, das Mordopfer.

Netflixwoche: Als Sie das erste Mal auf den Fall Krombach stießen, wurde noch kaum über ihn berichtet. Was hat Sie an dem Fall interessiert?

Barbara Völkel: Ich habe zur selben Zeit für das ZDF-Politmagazin Frontal zu einer Debatte recherchiert, die damals Deutschland beschäftigt hat: Der Bundestag stimmte 1997 darüber ab, ob Vergewaltigung in der Ehe strafbar sein soll. Zufällig las ich dann auf der Rückfahrt von einer Recherche über den Fall Dieter Krombach und die Proteste in Lindau gegen das Urteil. In dem kleinen Artikel stand, dass Krombach schon öfter Frauen belästigt habe und dafür nie bestraft wurde. Vor dem Hintergrund der Bundestagsdebatte interessierte mich das sehr. Ich habe aber nie damit gerechnet, dass mich dieser Fall über ein Vierteljahrhundert lang beschäftigen würde.  

Wie kam der Kontakt zu dem Interview zustande?

Ich recherchierte und erfuhr, dass Krombach bereits im Fall seiner toten Stieftochter Kalinka verurteilt worden war. Aber nur in Frankreich, nicht in Deutschland, und nur in Abwesenheit. Ich nahm also Kontakt zu seinen Anwälten auf. Nach langem und ewigem Hin und Her sagten sie dem Interview zu, allerdings nur unter strengen Auflagen.

Was waren das für Auflagen?

Wir mussten ihm und seinen Anwälten vorab einen Fragenkatalog senden. Krombach wurde im Laufe der Zeit von namhaften Strafverteidigern im Fall Kalinka verteidigt. Wie Rolf Bossi, Steffen Ufer und schließlich von Dr. Uwe Birk. Nachdem sein Anwalt nur bestimmte Fragen für das Interview zugelassen hatte, wurde vereinbart, keine Fragen zuder ums Leben gekommenen Stieftochter Kalinka zu stellen. Am Schluss des einmaligen Interviews versuchte ich ihn doch noch zu überreden, zu diesem Fall etwas zu sagen. Krombach lehnte aber ab. Außerdem sollten wir ihn nur von der linken Seite im Film aufnehmen, von seiner „Sonnenseite“, wie er es nannte.

Moment – der Mann wird zu einer Vergewaltigung interviewt, für die er verurteilt wurde. Und wünscht sich, von seiner Sonnenseite gefilmt zu werden?

Ja. Das fand ich schon sehr irritierend. Sein Anwalt, Dr. Uwe Birk, meinte während des Interviews zu mir über seinen Mandanten: „Herr Krombach empfindet sich als unwiderstehlich.“ Schon zu Beginn des Interviews bei der Begrüßung, sagte Krombach auch gleich zu mir: „Wenn Sie nicht blond wären, hätte ich Ihnen dieses Interview nicht gegeben.“

Dieter Krombach im TV-Interview mit Barbara Völkel. Er lacht, während er von der Vergewaltigung seiner 16-jährigen Patientin erzählt.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich war angewidert und entsetzt von diesem Verhalten. Auch mein Kamerateam. Ich habe ihm gesagt, dass meine Haarfarbe sicher nichts mit diesem Interview zu tun hat. Und er solle solche Äußerungen lassen. Beim Rausgehen nach dem Interview meinte er dann noch zu mir, im Beisein meines Kamerateams und seines Anwalts, er würde mich gern zum Abendessen einladen. Dann könnte er mir zeigen, dass er nicht so ein Schwein wäre, wie er in der Presse dargestellt würde. Wir könnten ja zusammen ein Glas Rotwein trinken und uns an seinen Pool setzen. Mein Kamerateam und ich haben nach dieser Äußerung nur noch schnell das Weite gesucht. Bloß raus hier, dachte ich mir. Wie tief muss ein Mensch moralisch gesunken sein, der von sich so überzeugt ist, dass er als verurteilter Vergewaltiger keine Schuldgefühle kennt und von seinen Taten noch schwärmt.

„Er hatte absolut keine Schuldgefühle“

In der Doku sieht man die Aufnahmen aus Ihrem Interview. Man hört, wie Krombach über sein Opfer spricht. Wie er das 16-jährige Mädchen sogar verhöhnt.

Das war wirklich entsetzlich. Er meinte, sie habe zwar nicht Ja und nicht Nein gesagt. Aber sie habe ihn angelächelt. Er habe den Eindruck gehabt, sie wolle das auch. Da musste ich natürlich eingreifen und ihm sagen: „Moment mal, das Mädchen war bewusstlos, von Ihnen durch eine Spritze betäubt worden. Sie konnte sich ja nicht wehren.“ Krombach lächelte und grinste nur darüber.

War er anders, als Sie erwartet hatten?

Ich hatte einen Täter erwartet, der Reue zeigt. Der sagt: Ja, das war nicht richtig, was ich da in meiner Praxis gemacht habe. Aber das war nicht der Fall. Ich hatte das Gefühl, er war geschmeichelt, weil wir ihn über seine Straftaten befragt haben. Er hatte absolut keine Schuldgefühle. Fühlte sich auch als Opfer der Frauen und minderjährigen Mädchen, die er zum Teil ja betäubt und danach vergewaltigt hatte.  

Haben Sie ihn nach dem Interview jemals wieder getroffen?

Einmal, viele Jahre später, als er dann doch für den Tod seiner Stieftochter Kalinka in Paris vor Gericht gestellt wurde. Unsere Blicke kreuzten sich kurz im Gerichtssaal. Ich sah, dass er mich wiedererkannte. Aber er wandte sich ganz schnell ab und schaute nach unten.

„Wichtige Beweismittel verschwanden einfach“

Sie haben den Fall dann über mehr als 25 Jahre hinweg weiter verfolgt. Was hat Sie daran so beschäftigt?

Es kamen ja immer neue Taten ans Licht. Obwohl er wegen der ersten Verurteilung seine Zulassung verloren hatte, tingelte er durch die Bundesrepublik und praktizierte heimlich weiter als Arzt. Dann meldeten sich immer mehr Frauen und Mädchen mit Missbrauchsvorwürfen. Und ich lernte André Bamberski kennen, den leiblichen Vater von Kalinka, die von ihrem Stiefvater, Dieter Krombach getötet wurde. Weil Herr Bamberski sich von der deutschen Justiz im Stich gelassen fühlte, recherchierte er selbst gegen den Mörder seiner Tochter und setzte alle Hebel in Bewegung.

André Bamberski erzählt in der Netflix-Doku Der Mörder meiner Tochter, warum er die Jagd auf den Täter nie aufgegeben hat und nicht einmal davor zurückschreckte, sich selbst strafbar zu machen, um Dieter Krombach hinter Gitter zu bekommen.

André Bamberski wurde jahrelang als verrückt bezeichnet, vor allem von den Anwälten von Dieter Krombach. Als einer, der aus Eifersucht und Wahn den neuen Mann seiner Ex-Frau verfolgt. Haben Sie je an Herrn Bamberskis Geschichte gezweifelt?

Als Journalistin muss man objektiv und kritisch bleiben, alle Fakten zusammentragen und genau prüfen. Und die Fakten sprachen sehr klar für Herrn Bamberski. Schon die Obduktion der Leiche von Kalinka war fragwürdig. Wichtige Beweismittel verschwanden einfach spurlos und der Gerichtsmediziner war übrigens ein guter Freund des Verdächtigen, wie sich später herausstellte. Es gab keine richtige Spurensicherung am Tatort, der Fall wurde als Unfall abgetan. Kalinka wurde vom Gerichtsmediziner nicht mal auf ihre Jungfräulichkeit hin untersucht.

Wie war Ihr Eindruck von André Bamberski?

Er war sehr gefasst, sehr ruhig. In seinem Arbeitszimmer hatte er stapelweise Aktenordner über den Fall, die alle sehr gut sortiert waren. Er ging sehr strukturiert vor. Herr Bamberski hatte ja als Buchhalter gearbeitet, bevor er seinen Beruf aufgab, um sich ganz der Suche nach Gerechtigkeit für seine Tochter zu widmen. Er erzählte mir: „Ich werde den Mörder meiner Tochter ins Gefängnis bringen. Das habe ich meiner Tochter Kalinka an ihrem Grab versprochen.“

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Netflixwoche Redaktion