Das Mädchen im Schnee: Was die Serie sich von Hitchcock abgeschaut hat

Das große, trubelige Weihnachts-Stadtfest in Malaga. Ein prächtiger Umzug mit Heiligenfiguren, Lichterketten, Luftballon-Ständen. Menschen verkleidet als Weihnachtsmänner. Masken, Gedränge, Tanzen und Singen. Mittendrin eine ganz normale Familie: Papa Alvaro (Raul Prieto), Mama Ana (Loreto Mauleón) und die kleine Tochter Amaya (Emma Sánchez). Sie bestaunen den Umzug, saugen in der einsetzenden regnerischen Dunkelheit die adventliche Atmosphäre auf.

 So startet die neue spanische Netflix-Serie Das Mädchen im Schnee. Das könnte nun eine kuschelige Family-Feelgood-Szene sein. Ist es aber nicht. Ganz und gar nicht. Stattdessen vermittelt die Einstellung dem Zuschauer fast unerträgliche Spannung und erzeugt Angst. 

Wie kommt das? Wie schaffen es Regisseur*innen und Drehbuchautor*innen, Spannung zu erzeugen – auch mit Szenen, die eigentlich ganz alltäglich sind?

Bei Das Mädchen im Schnee bedienen sich die Macher beim Master of Suspense, Alfred Hitchcock. Dessen Tricks, die er einst seinem Kollegen Francois Truffaut in einem Interview verriet, sind zeitlos und funktionieren noch immer. 

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Trick 1: Der Mann auf der Bank

Eine von Hitchcocks Suspense-Prinzipien ist einfach erklärt: Drei Minuten einen Mann filmen, der auf einer Parkbank sitzt, ist langweilig für den Zuschauer. Die gleiche Szene wird dann aber spannend, wenn der Zuschauer etwas weiß, was der Mann auf der Parkbank nicht weiß. Zum Beispiel, dass unter der Parkbank eine Bombe mit einem Zeitzünder liegt, der gerade die letzten drei Minuten herunter tickt.

Genau diesem Prinzip folgen die spanischen Spannungs-Profis in Das Mädchen im Schnee. Der Zuschauer weiß (oder hat zumindest eine starke Ahnung), dass der süßen, kleinen Amaya etwas Furchtbares auf dem Weihnachtsfest in Malaga passieren wird. Düstere Musik und eine hektische Kamera lassen die Spannung beim Zuschauer steigen. Die Weihnachtsmänner und Heiligenfiguren mit ihren Masken wirken eher wie Abgesandte des Teufels denn wie freundliche Helferlein Das fröhliche Stadtfest bekommt eine bedrohliche Atmosphäre, die aber nur der Zuschauer spürt. Die ahnungslose Familie ist weiter bester Dinge.

Eine Szene aus Das Mädchen im Schnee: Die Familie beim Weihnachtsfest unter Menschen, in der Mitte: Loreto Mauleón als Ana, Emma Sánchez als Amaya und Raúl als Álvaro. Cr. Netflix © 2022.
Die Familie strahlt noch, doch die Zuschauer*innen ahnen schon: Hier passiert gleich etwas Schreckliches.

Am Bildschirm ist die Szene, besonders für Eltern, kaum auszuhalten. „Lass die Hand deiner Tochter nicht los!“, möchte man Papa Alvaro zurufen, als der mit Amaya zu einem Stand geht, um ihr einen Luftballon zu kaufen. Aber – natürlich – passiert das, was wir die ganze Zeit befürchtet haben: Ein kurzer Moment der väterlichen Unachtsamkeit reicht, und Amaya ist verschwunden. Und bleibt es auch, allen verzweifelten Suchaktionen der Eltern zum Trotz.

Trick 2: Die Wendung

Wie schon in anderen spanischen Serien wie Haus des Geldes oder Der Geschmack der Margariten gelingt es den Macher*innen von Das Mädchen im Schnee den Spannungsbogen über alle sechs Folgen hochzuhalten.  

Neben Hitchcocks bereits beschriebenem Suspense-Prinzip setzen sie auch auf einen zweiten Trick des Altmeisters, um Spannung zu erzeugen: Surprise.

Überraschende, für den Zuschauer aber im Nachhinein plausible Wendungen sind ein weiteres Motiv, um uns Zuschauer in atemlose Spannung zu treiben: Waaaaas?! Das gibt’s doch nicht, der war das?

Wir wollen an dieser Stelle nicht spoilern, nur soviel sei verraten: Bei der Suche einer jungen Journalistin nach dem Mädchen und den Entführern ist nicht alles, wie es scheint…. 

Trick 3: Es geht um alles.

In Das Mädchen im Schnee sind diese Techniken filmisch meisterhaft umgesetzt. Dramaturgisch liefert die Vorlage, der Bestseller-Roman Das Schneemädchen von Javier Castillo, bereits die nötigen Ingredienzien. 

Dazu gehört auch, dass es in der Geschichte nicht um „Kleinigkeiten“ wie Diebstahl oder Betrug geht, sondern ums große Ganze:  Der Verlust des eigenen Kindes ist eine der Urbedrohungen, die in uns Menschen genetisch verankert ist. 

Der Sinn des Lebens, die Erhaltung der eigenen Art, wird gefährdet und treibt Eltern zum Äußersten. Wie weit das führen kann, sehen wir in Das Mädchen im Schnee.

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Netflixwoche Redaktion