„Das ist Deutschland“: Matthias Brandt im Interview über King of Stonks

„Ich bin die Aktie“, schreit Magnus A. Cramer und zeigt seine powergebleachten Zähne. Cramer, CEO von Europas größtem Fintech-Unternehmen, trägt einen halb geöffneten, rosa Bademantel, eine verspiegelte Sonnenbrille und hat bis vor wenigen Sekunden noch seinen Champagner-Rausch vor einem riesigen Swimmingpool ausgeschlafen. Auf seiner Schulter sitzt ein Huhn. Wo es herkommt: unklar.

Diese Szene stammt aus der dritten Folge von King of Stonks: Die neue Serie der How to Sell Drugs Online (Fast)-Macher*innen startet am 6. Juli auf Netflix. King of Stonks erzählt eine Geschichte über Doppelmoral, toxische Männlichkeit und Größenwahn in der deutschen Fintech-Welt. Magnus A. Cramer, der Mann mit dem Huhn auf der Schulter, wird in der Serie von einem der bekanntesten Schauspieler Deutschlands gespielt: Matthias Brandt. Am Rande des Filmfest München hat Brandt Netflixwoche ein Interview gegeben. Ein Gespräch über altes und neues Geld, Elon Musk und deutsche Muffigkeit.

Netflixwoche: Wie ist das eigentlich, mit einem Huhn zu drehen?

Matthias Brandt: Das Huhn sollte eigentlich nur auf meinem Rücken sitzen, als ich auf dem Boden lag. Aber dann wollte es bei mir bleiben und kletterte auf meine Schulter. Dann hab ich die Szene eben mit Huhn auf der Schulter gespielt. Ich habe so etwas sehr gern, das bringt eine anarchische Note in die Angelegenheit. Es war im Übrigen ein sehr freundliches Huhn.

Gibt es eigentlich Stunthühner beim Film? So wie es Stunthunde gibt?

Brandt: Vielleicht wäre das eine Marktlücke, in die man stoßen könnte, und man würde steinreich werden mit dressierten Hühnern. Aber ich glaube, die Nachfrage ist begrenzt.

Matthias Brandt als Magnus A. Cramer mit dem freundlichen Huhn in King of Stonks.

Netflixwoche: Können Sie sich noch  an den Moment erinnern, als Sie die Drehbücher von King of Stonks zum ersten Mal gelesen haben? Was haben Sie da über die Figur Magnus A. Cramer gedacht?

Brandt: Ich hatte große Lust, so einen extrovertierten Charakter wie Magnus zu spielen, bei dem jeglicher Impuls nach außen geht. Bei Magnus gibt es keine langen Verschlingungen durch Körper und Psyche. Alles muss raus, sofort.

Angenommen, Sie sitzen heute Abend an der Hotelbar und plötzlich kommt Magnus vorbei. Würden Sie mit ihm ein Bier trinken? Oder denken: Oh Gott, schnell weg hier!

Brandt: Das würde mir schon Freude machen, mir so jemanden aus nächster Nähe anzuschauen. Aber Magnus ist natürlich eine Kunstfigur und aus allen möglichen Beobachtungen zusammengesetzt, die ich gemacht habe. Gerade eben hatte ich eine kurze Mittagspause gemacht und habe unten vorm Hotel etwas gegessen. Zwei, drei Magnusse waren da schon auch unterwegs.

Möglicherweise ist die Magnus-Dichte in Fünf-Sterne-Hotels auch besonders hoch. Es gibt Studien, die zeigen, dass gerade Narzissten in kompetitiven Berufen schnell die Karriereleiter hochklettern. Muss man ein Narzisst wie Magnus sein, wenn man den Kapitalismus durchspielen will?

Brandt: Wahrscheinlich hilft es Magnus, dass er sich nur an der gerade nötigsten Stelle Gedanke macht. Aber an sich ist mir diese Welt total fremd. Für mich spielt das alles auf einem fremden Planeten.

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King of Stonks ist von vielen Skandalen der letzten Jahre inspiriert, etwa von der Ibiza-Affäre um Heinz-Christian Strache und vom Wirecard-Skandal. Alles Geschichten, die total unecht klingen. So, als hätte sie sich ein Drehbuchautor ausgedacht.

Brandt: Heute kriegen wir doch dauernd Dinge zu sehen, die wir vorher nicht für möglich gehalten hätten. Wenn uns vor zehn Jahren jemand erzählt hätte, dass wir vier Jahre lang Donald Trump als US-Präsident überstehen, dann hätten wir gesagt: Trump hält sich maximal ein halbes Jahr im Amt, dann hat der sich so blamiert, dass sie ihn absetzen.

Wenn überhaupt.

Brandt: Auch die Strache-Geschichte ist so doof und platt, dass man das Gefühl hat: Diese Leute spielen gerade ihre eigene Satire nach. Sie übererfüllen ihr eigenes Klischee. Und ich kann mir vorstellen, dass das ein bewusster Vorgang ist: Leute wie Strache sind berauscht davon, dass man sich ein Bild von ihnen macht. Und das wollen sie dann sogar noch toppen.

Bei Magnus fragt man sich oft: Wann hat dieser Mann eigentlich den Bezug zur Realität verloren?

Brandt: Ich weiß nicht, ob man diesen Moment so genau orten kann. Deshalb finde ich die Rückblende in der Geschichte so wichtig.

Magnus hat 40 Jahre lang nur auf die Mütze bekommen. Dann hat er sich vorgenommen: Die nächsten 40 Jahre passiert das Gegenteil.

Brandt: Genau, das ist seine ursprüngliche Kränkung, sein Motor.

Für Magnus scheint alles nur noch ein Spiel zu sein. So als hätte er wie in einem Videogame noch ein zweites Leben und könnte einfach noch mal von vorne anfangen, wenn etwas schief geht.

Brandt: Er setzt seine eigenen Befindlichkeiten mit der Firma gleich. „Wenn es mir gut geht, geht es der Aktie gut“, sagt er mal.

Der Aktie von CableCash.

Brandt: Eine Firma, bei der man sich fragt: Was machen die eigentlich? Wenn jemand Autos oder Weihnachtsbäume verkauft, kann man das ja nachvollziehen. Bei CableCash geht das nicht. Aber genau das eröffnet wiederum ganz andere Räume für den Wahnsinn, den wir da sehen.

Bei CableCash rasten die Angestellten regelmäßig aus.

Elon Musk ist Magnus' großes Vorbild. Obwohl er ihn nie persönlich getroffen hat, benutzt Magnus immer nur den Vornamen von Musk, wenn er über ihn spricht. Als wären sie gute Freunde.

Brandt: Er will eben unbedingt dazugehören. Das ist das Nachvollziehbare, wenn auch Klägliche an ihm. Es heißt schon etwas, dass er sich gerade Elon Musk als Vorbild ausgesucht hat: eine zutiefst unseriöse Gestalt. Aber eben der Reichste unter den Unseriösen.

Genau wie Elon Musk hat auch Magnus eine riesige Followerschaft, die ihn verehrt. Seit wann ist es eigentlich en vogue, Superreiche dafür abzufeiern, dass sie superreich sind?

Brandt: Ich glaube, dass ist von Region zu Region, von Land zu Land unterschiedlich. King of Stonks spielt ja nicht zufällig in Düsseldorf.

Nein?

Brandt: Diese komische, rheinische Mischung aus Jovialität, Leutseligkeit und totaler Empathiefreiheit erschien uns sehr passend für die Serie. In Düsseldorf neigen die Leute ja nicht dazu, irgendetwas zu verstecken. Alles wird auf den Tisch gepackt. Ich glaube, die Serie würde ganz anders aussehen, wenn sie in Hamburg gespielt hätte.

Auch im Fahrstuhl geht es für Magnus A. Cramer ganz nach oben.

Magnus hat ein schwieriges Verhältnis zu seinem Schwiegervater. Ein alter, reicher Mann, der auf ihn herabschaut.

Brandt: Altes gegen neues Geld: Das ist einer der Konflikte der Serie. Wenn ich mich entscheiden müsste, wäre mir das neue Geld aber immer noch lieber. Weil ich diesen Dünkel beim alten Geld noch unangenehmer finde.

Gleichzeitig sehen die Büroräume von CableCash so gar nicht nach neuem Geld aus: Topfpflanzen, farblose Teppiche, ergonomische Stühle.

Brandt: Das ist Deutschland. Einerseits will man ganz oben mitspielen und faselt irgendwas von Elon. Andererseits lebt man in einer Mehrzweckhallenwelt, die aussieht, wie die Tagungsräume im Ibis-Hotel. Mir erschien das extrem realistisch.

Weil Deutschland nun mal so ist?

Brandt: Im fiktionalen Erzählen gibt es oft so künstliche Welten, die sich verselbstständigt haben. Man sieht keine Orte mehr, die auf realen Orten beruhen. Sondern Orte, die schon Reproduktionen sind von anderen fiktionalen Orten. Bei King of Stonks ist das nicht so. Bei der Serie habe ich das Gefühl: Diese Orte gibt es wirklich. Ich müsste nur drei Straßen weitergehen zu einem Bürohaus in der Umgebung, in die 15. Etage hochfahren und dann stehe ich in einem Büro, das genauso aussieht wie das von CableCash.

Magnus selbst wohnt in einem Designerhaus, das teuer und steril aussieht. Wie ein OP-Saal.

Brandt: Das ist so eine forcierte Art von Geldspießertum, wo man nur denkt: So viel Geld kann man mir gar nicht bezahlen, damit ich da einziehe. Als ob die Besitzer irgendjemandem viel Geld dafür bezahlt hätten, damit er ihnen erzählt: So hat das auszusehen. Das ist schon traurig. Die Menschen trauen es sich nicht mehr zu, zu sagen, was sie schön und was sie nicht schön finden. Auch dafür muss ein Berater kommen und das für sie übernehmen. Im schlimmsten Fall hockt man dann eben in so einer Bude.

Magnus erfüllt also auch hier sein eigenes Klischee über? Er muss in so einem Haus wohnen, weil alle in so einem Haus wohnen?

Brandt: Aber er tut das mit Begeisterung. Und dadurch ist es lustig. Was ich an der Figur Magnus mag – die zugegebenermaßen nicht so wahnsinnig viele sympathische Züge hat –, ist Folgendes: Magnus ist identisch mit sich selbst. Er findet das, was er tut, großartig, und zwar immer. Wahrscheinlich ist er die Figur in der Serie, die an sich selbst die größte Freude hat. Per se ist das ja nichts Schlechtes. Und es hat großen Spaß gemacht, das zu spielen.

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Netflixwoche Redaktion