„Ich hatte Angst vor den Vorurteilen“ – Bless Amada im Gespräch über Selbstzweifel

Wenn ein Sturm aufzieht, ergreifen Kühe die Flucht. Ein fataler Fehler, denn sie sterben dann mit noch größerer Wahrscheinlichkeit: An Erschöpfung oder weil der Sturm sie früher oder später einholen wird.

Was das mit dem Schauspieler Bless Amada (bekannt aus Kitz) zu tun hat? Einmal von vorne.

In der Reihe I AM veröffentlicht Netflix auf YouTube künstlerische Kurzfilme, in denen bekannte Schauspieler*innen ganz persönlich von den Themen erzählen, die sie besonders bewegen. Im zweiten Teil der Porträt-Reihe erzählt der Schauspieler Bless Amada seine Geschichte. Die Geschichte eines Büffels. Denn die reagieren im Sturm ganz anders als Kühe.

In I AM … a buffalo geht es darum: Ein junger Mann möchte Schauspieler werden. Er wollte das schon immer. Auch schon damals, als er noch in Togo lebte und alle seine Freunde bloß Fußball im Kopf hatten. Doch um das zu schaffen, musste sich Bless Amada einer seiner größten Ängste stellen: dem Vorlesen.

Wie jede der I AM-Folgen ist auch diese ein Spiegel des Innenlebens des Protagonisten. Künstlerisch dargestellt von der Regisseurin Linda Klinkhammer, die das Konzept gemeinsam mit den Schauspieler*innen erarbeitet. In diesem Interview sprechen Regisseurin und Schauspieler über Selbstzweifel, Ängste und den schrecklichsten Moment, den Bless Amada je auf einer Bühne erlebt hat.

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Linda Klinkhammer: Bless, wie fühlt es sich an, wenn Du vor Leuten laut lesen musst?

Bless Amada: Ich kann kaum atmen. Mein Herz pocht wahnsinnig schnell, ich fange an zu schwitzen, und mein Mund wird trocken. Die Angst ist immer, dass ich mich verlese und dann ins Stottern komme. Und dann noch mal, und dann noch mal.

Hat Dir das Sorgen gemacht, als die Vorstellung konkreter wurde, dass Du Schauspieler werden willst?

Ich habe mir da am Anfang nicht viele Gedanken gemacht. Ich wollte erst mal nur Schauspieler werden. Und ich dachte, man müsste die Texte ja nur auswendig lernen. Mir ist die Dimension erst bewusst geworden, als ich auf der Schauspielschule war und wir gemeinsam am Tisch Stücke gelesen haben. Das war am Anfang nicht einfach. Nicht gut lesen zu können war verbunden mit keiner guten Bildung. Was ja überhaupt nicht stimmt. Und das hat mir Druck gemacht. Ich hatte Angst vor den ganzen Vorurteilen.

Wie bist Du mit dieser Angst umgegangen?

Es geht ja darum, nicht ins Stottern zu kommen und fließend die Texte lesen zu können. Also mache ich einfach zwischendurch immer kleine, dramatische Pausen und halte so die Spannung. Ich lese es so vor, als wäre es so gewollt. Damit man nicht checkt, dass ich nicht gut lesen kann. Sondern dass man denkt: Ah okay, das ist seine Art, wie er liest.

Die Angst, etwas falsch zu machen, rührt aus Amadas Kindheit. Denn so schwarz-weiß wie der I AM-Film ist, so war auch die Fehlerkultur in seiner Heimat Togo: Es gab nur richtig und falsch. Und wenn ein Fehler gemacht wurde, wurde man dafür bestraft. Dass es okay ist, Fehler zu machen, hat dem Jungen niemand beigebracht. Und auch nicht, dass man zwar scheitern kann, aber danach auch wieder aufstehen und weitermachen.

Der Schauspieler Bless Amada telefoniert mit seinem besten Freund. Eine Szene aus "I AM ... a buffalo".
Eine Szene aus I AM...a buffalo. Bless telefoniert mit seinem besten Freund.

Kannst Du mir von dem Moment erzählen, als das erste Mal etwas so richtig schief gelaufen ist?

Das war mit zwölf Jahren. Da war diese Veranstaltung in der Aula, bei der die gesamte Schule da war, mit Eltern, Lehrern, Freunden. Ich habe damals einen Song von Joana Zimmer mit meiner Musiklehrerin vorbereitet. Und dann stand ich auf dieser Bühne, meine Lehrerin fängt an zu spielen, ich setze an zu singen – Blackout. Das war schon krass. Ich kannte das nicht, dieses Gefühl. Ich fange noch mal an – wieder Blackout. Und ich dachte nur: Bitte, ich will jetzt aufhören. Ich will nicht mehr. Aber meine Lehrerin hat gesagt: Komm, wir probieren es nochmal. Also habe ich das dritte Mal angefangen. Blackout. Ich hab mir gewünscht, dass die Bühne einfach unten aufgeht und mich durchfallen lässt.

Was ist dann passiert?

Alle Schüler fingen plötzlich an, meinen Namen zu rufen. Es wurde immer lauter und dann haben alle im Raum angefangen zu klatschen. Ich dachte nur noch: Bitte nicht, hört auf, ich will nicht noch mal. Aber dann habe ich meinen allerletzten klitzekleinen verkümmerten Mut zusammengenommen und habe angefangen, das vierte Mal zu singen. Und dann hat es geklappt. Und alle sind komplett ausgerastet.

Acht Jahre später, mit 20, bewirbt sich Bless Amada an der Schauspielschule. Er hat gerade seine Ausbildung als Elektroniker aufgegeben, steht mit nichts da, außer seinem Willen. Im Porträt-Film sitzt er dort, in den weißen Gemäuern der Schauspielschule, und wartet darauf, zum Vorsprechen aufgerufen zu werden. Dann klingelt sein Handy. Es ist sein bester Freund. Er weiß von Armadas Ängsten. Und erzählt ihm die Geschichte der Büffel im Sturm.

Angst ist wie ein riesiger Wirbelsturm, wie ein Tornado. Und der Tornado kommt auf dich zu. Kühe rennen immer vor dem Sturm davon und werden dann irgendwann eingeholt. Genau so ist es auch mit der Angst: Auch wenn du wegläufst, sie holt dich immer ein. Aber Büffel laufen mit voller Geschwindigkeit, so schnell sie können, in den Sturm hinein und einmal durch. Und sie werden nicht von ihm verschlungen.

Der ganze Film, in seinen dunklen Tönen und tiefen Stimmen und ohne kaum einen Schnitt, wirkt selbst wie ein einziger langer, tiefer Atemzug, bevor man die Bühne betritt. Und das ist der Höhepunkt von Amadas Geschichte: sein Vorsprechen in der Schauspielschule, das viel mehr ein einziger Tanz ist. Nur er, das Licht und die Bühne. Dann ist Schluss. Als wäre es ganz egal, ob er aufgenommen wurde oder nicht – denn sein wahres Ziel hat er bereits erreicht: Er ist in den Sturm gelaufen.

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Netflixwoche Redaktion