„Ich war immer der Andere“ – Drei Gespräche zu Black Representation in deutschen Filmen

Die amerikanische Filmgeschichte ist auch eine Geschichte der Schwarzen Menschen in den USA: Sie erzählt uns etwas über Unterdrückung, gesellschaftliche Emanzipation, Rassismus und Rebellion. Das zeigte zuletzt die neue Doku Is That Black Enough for You ?!? mit Beiträgen von Samuel L. Jackson, Zendaya, Harry Belafonte und anderen Größen.

Doch wie sieht es mit dem Thema Black Representation in Deutschland aus? Wir haben mit drei Stars der deutschen Filmszene über Probleme und Hoffnungen gesprochen.

Eugene Boateng: „Ich komme aus einer Gesellschaft, die in Deutschland auf der Leinwand gar nicht repräsentiert wird“

Angefangen hat Eugene Boateng, 37, als Tänzer – er ist in Musikvideos von unter anderem Jan Delay oder Tocotronic zu sehen. Seine erste Hauptrolle im Film bekam er 2015, als er in Becks letzter Sommer an der Seite von Christian Ulmen spielte. Eugene wuchs in einer ghanaischen Community in Düsseldorf auf und zog später nach Berlin.

„Ich habe mal versucht zu zählen: Wie viele haben wir eigentlich? Wie viele Schwarze sind in der deutschen Medienöffentlichkeit? Es gibt Motsi Mabuse oder Bruce Darnell, in den Neunzigern gab es Mola, der auch Musik gemacht hat. Dann gibt es ein paar Jungs in der Rapszene. Aber erfolgreiche dark-skinned Männer in der deutschen Schauspielerei? Für mich ist da nichts, einfach nichts. Ich versuche, dabei nicht zu emotional zu werden. Aber es ist für mich einfach ein krasses Thema.

Als Kind suchst du nach Menschen, die so aussehen wie du, mit denen du dich identifizieren kannst. Diese Menschen geben dir Orientierung. Damit du weißt: „Ey, ich kann das und das werden, weil er oder sie es auch geschafft hat.“ Als Kind habe ich nie nach Deutschland geguckt, sondern immer nur nach Amerika. Denn dort wurde mir eine Kultur erzählt.

Ich habe Will Smith in Filmen gesehen, wo seine und zu der Zeit auch meine Kultur gezeigt wurde. Er war selten einfach nur ein Token. Im Prinz von Bel Air hast du eine Schwarze Familie, die über universelle Themen spricht, aber in einem Schwarzen Kontext. Ich habe Kultur erfahren, und das war für mich das Wichtigste. Es geht nicht darum, dass ich da einen Schwarzen irgendwo in einer weißen Welt sehe und dann denke: „Yes, das ist Black Representation!“ Kultur bedeutet, dass auch meine Themen angesprochen werden.

Eugene Boateng. Foto © Pascal Buenning
„Wenn ich mitkriege, dass eine Schwarze Darstellerin in einem weißen Film ist, packt mich direkt erstmal die Sorge. “ – Eugene Boateng. Foto © Pascal Buenning

Ich komme aus einer Gesellschaft, die in Deutschland auf der Leinwand gar nicht repräsentiert wird. In bin in einer ghanaischen Community in Düsseldorf groß geworden. Meine Familie, meine Freunde, alle Ghanaen. Deshalb ist mein Auge vielleicht nochmal etwas kritischer als bei anderen Schwarzen in Deutschland. Von Filmen wie Die weiße Massai habe ich heute noch ein Trauma.

Wenn ich mitkriege, dass eine Schwarze Darstellerin in einem weißen Film ist, packt mich direkt erstmal die Sorge. Weil ich hoffe, dass sie sich getraut hat, den Mund aufzumachen und uns richtig darzustellen. Denn am Ende des Tages repräsentiert jede Schwarze Person, die irgendwie in den Medien zu sehen ist, uns alle. Ob sie das will oder nicht. Deshalb bin ich auch nicht nur ein Schauspieler, ich bin immer ein Schwarzer Schauspieler in einer weißen Welt. Meine Kultur bringe ich immer mit.

Bei einem Dreh muss ich immer mitdenken: Ich muss auf Kostüme, auf Requisite, auf das Drehbuch und die Sprache achten. Ich kann nicht einfach ans Set kommen und meinen Job machen.

Kürzlich bei einem Dreh sollte meine Figur eine Djembé tragen, eine afrikanische Trommel. Gut, er ist gerade irgendwo eingezogen, aber wieso die Trommel? Ist er ein Musiker? War er nicht. Also bin ich jetzt der Afrikaner, der mit einer Trommel rumläuft? Auf gar keinen Fall! Da musst du als Schwarzer Schauspieler mitdenken.

Natürlich ist es erstmal unangenehm, den Mut aufbringen zu müssen. Und etwas zu sagen, trifft natürlich auch nicht immer auf fruchtbaren Boden. Oft kommt erstmal direkt ein Konter, weil sich die meisten Menschen dadurch angegriffen fühlen. Aber wenn wir es nicht tun, kommen wir irgendwann an den Punkt, wo eine Schwester vorm Fernseher sitzt und mich sieht und sich denkt: „Er repräsentiert uns nicht.““  

Tyron Ricketts: „Ich spielte den Ami, den Geflüchteten aus Afrika, den kiffenden Taxifahrer“

Tyron Ricketts, 49, stand inzwischen bei knapp 70 Filmen vor der Kamera und ist außerdem Gründer von Panthertainment – einer Produktionsfirma für Geschichten mit dem Fokus auf People of Color. Tyron hat Wurzeln in Österreich und Jamaika und lebt heute in Berlin.

„Wer sich die Doku Is That Black Enough for You?!? anguckt, sieht, dass man in Amerika schon viel früher angefangen hat, sich in Film und Fernsehen mit dem Thema zu beschäftigen. Dort stand ja auch nie zur Debatte, ob die USA nun ein Einwanderungsland sind oder nicht. Auch Deutschland war schon immer ein Einwanderungsland – hat sich aber nie als ein solches definiert. Das zeigt ja schon die Bezeichnung „Gastarbeiter“. Ein Gast bleibt nur für kurze Zeit – und geht dann wieder.

Als ich 1994 in der deutschen Filmbranche angefangen habe, war mein Einstieg sehr zäh. Meine Rolle: immer der Rapper. Das war ja auch mein Background, das Schauspielhandwerk musste ich erst noch lernen. Aber später ging es ähnlich weiter: In rund 80 Prozent meiner knapp 70 Filmrollen war ich „der Andere“. Ganz selten war ich ein Teil der deutschen Gesellschaft. Ich spielte den Ami, den Geflüchteten aus Afrika, den kiffenden Taxifahrer oder das Sexobjekt. Immer stand meine Hautfarbe im Mittelpunkt, ganz selten der Charakter.

Schritt für Schritt hat sich das ein bisschen verändert, aber so richtig Fahrt hat dieser Wandel erst mit der „Black Lives Matter“-Bewegung aufgenommen. Seitdem merke ich eine Veränderung: Rassist ist nicht nur, wer Nazis wählt oder ein Skinhead ist. Stattdessen kam die Erkenntnis, dass wir tendenziell vielleicht doch in einer rassistischen Gesellschaft mit einem stark eurozentrierten Blick auf die Welt leben.

Zum anderen kamen neben dem Fernsehen auch die Streamer wie Netflix und Co. dazu, die die Sehgewohnheiten verändert haben. Was daran liegt, dass die Streamer, im Gegensatz zu den Öffentlich Rechtlichen, die Welt als Markt haben. Und weltweit sind die Mehrheit der Menschen People of Color. Wenn du dem Weltpublikum gerecht werden willst, kannst du nicht immer die gleiche weiße Geschichte erzählen.

„Trotzdem bin ich optimistisch“ – Tyron Ricketts.

Aber wenn man Film und Fernsehen als Werkzeug sieht, eine Gesellschaft zu schaffen, in der sich auch die Menschen mit Migrationsgeschichte wohl fühlen, dann wäre es schön, wenn uns auch die Öffentlich Rechtlichen repräsentieren würden. Wenn sich die Erzählung von Deutschland verändern würde.

Dazu braucht es Partizipation und Repräsentation, vor und hinter der Kamera. Aber eine Struktur zu verändern, die lange Zeit keinen Wert darauf gelegt hat oder sogar verhindern wollte, dass nicht weiße Menschen mitreden können, das dauert halt sehr lange.

Trotzdem bin ich optimistisch: Wir sind jetzt an einem guten Punkt. Nicht, weil wir als Menschen klüger geworden sind. Sondern weil große Umbrüche in der Menschheit immer mit neuen Erfindungen einhergegangen sind: das Feuer, die Erfindung des Rades, die Dampfmaschine. Jetzt ist es die Digitalisierung. Unsere Kommunikation war vor der Digitalisierung wie eine Pyramide aufgebaut:. Wenige Mächtige an der Spitze konnten „die Wahrheit“ definieren. Heute bekommen auch Menschen, die früher kein Mitspracherecht hatten, die Möglichkeit, gehört zu werden. Wenn ich mir ansehe, was Black Lives Matter für gesellschaftliche Diskussionen angeschoben hat, dann glaube ich, dass wir an einem Wendepunkt sind. Denn plötzlich setzt sich diese Wahrheit aus einem Chor von Stimmen zusammen. Und ich glaube, diese neue Zusammensetzung zwingt uns dazu, die Welt neu zu erzählen.“

Sheri Hagen: „Dunkelhäutige Menschen müssen auch hinter der Kamera sein dürfen“

Sheri Hagen, 54, ist eine deutsche Schauspielerin, Regisseurin, Produzentin und Autorin. Ausgebildet wurde Sheri am Theater von Wien, inzwischen hat sie bei über 45 Filmen mitgespielt und auch eigene realisiert. Sie wurde in Lagos, der größten Stadt Nigerias geboren und lebt heute in Berlin.

„Momentan gibt es einige Schwarze Schauspieler und Schauspielerinnen in der deutschen Filmlandschaft. Aber man sieht sie fast nie in ihren eigenen Geschichten. Es sind immer noch dieselben, die schreiben; immer noch dieselben, die ablichten; immer noch dieselben, die Geschichten entwickeln. Und es sind immer noch dieselben, die darüber entscheiden, welche Geschichten erzählt werden. Die Zustände hinter der Kamera sind katastrophal – nicht vielfältig.

Momentan dienen Schwarze Schauspieler:innen immer der Geschichte der weißen Perspektive. Selten werden Schwarze Lebensrealitäten ins Zentrum gestellt. Damit eine Veränderung stattfindet, brauchen wir Schwarze, die Schwarze inszenieren dürfen und eigene Geschichten erzählen. In der ganzen Vielfalt, die es auch in Schwarzen Lebensrealitäten gibt.

Wenn ich Glück habe, sehe ich am Set, in der Crew, mal eine dunkelhäutige Person. Zumindest bewegt sich etwas vor der Kamera – aber hinter der Kamera tut sich sehr wenig. Manchmal habe ich das Gefühl, man hat Angst vor zu vielen Schwarzen Menschen.

Um zu helfen, diese Angst zu überwinden, wäre eine Gesetzesregelung notwendig. Die bloße Sensibilisierung reicht nicht mehr aus. Wir brauchen Gesetze, die Diversität und Inklusion im Film und Fernsehen festschreiben und fördern. Fördermittel, die nur gewährt werden, wenn diese Diversität vor und hinter der Kamera nachweisen. Und solange das nicht im Medienstaatsvertrag und im Filmförderungsgesetz (FFG) verankert ist, werden immer nur wenige Schwarze Menschen Geschichten realisieren dürfen.

„Die Zuständehinter der Kamera sind katastrophal“ – Sheri Hagen. Foto © David Reisler.

Auch meine eigenen Produktionen konnte ich bisher nur außerhalb des Systems realisieren. Also ohne Senderbeteiligung und mit privaten Geldern. Man kann einen oder zwei Filme so machen, aber auf Dauer geht das nicht. Ich als Schwarze, ältere Frau habe außerdem nach wie vor auch noch die Schwierigkeit, dass ich meine Geschichten immer erklären muss. Ständig. Schwarze emotionale Ziele, Träume, Sehnsüchte, werden in Frage gestellt, nicht verstanden, gelten als unrealistisch, müssen erläutert werden. Mir wird die kreative Freiheit abgesprochen, während sie bei Weißen geschützt ist und sie sich weiterhin ausprobieren, entfalten, scheitern und wachsen dürfen. Ich glaube, wäre ich jung, würde meine jetzige Geschichte komplett weiß denken, gäbe es keine vier dunkelhäutigen Protagonistinnen und würde ich die Regie abgeben, wäre sie längst realisiert worden.  

Dunkelhäutige Menschen müssen auch hinter der Kamera sein dürfen – schreiben, inszenieren, ablichten dürfen. Viele wissen zum Beispiel gar nicht, wie sie das Licht für Schwarze Menschen setzen sollen. Dabei ist es nicht schwierig. Es ist nur anders.

Es gibt ein, zwei Schwarze Schauspieler*innen, die tatsächlich Hauptfiguren spielen – aber dass nicht mal diese Geschichten selbstverständlich von Schwarzen erzählt werden dürfen, das macht mich wütend. Wenn wir uns nicht mal selbst inszenieren dürfen, dann wird es noch sehr lange dauern, bis Schwarze selbstverständlich auch Weiße inszenieren dürfen.“

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Netflixwoche Redaktion