Athena: Warum dieser französische Bürgerkriegs-Film eine griechische Tragödie ist

Athena ist Dunkelheit, Chaos und Beton. Trotz all der brennenden Autos kriecht einem die Kälte schon in den ersten Minuten in den Nacken.

Athena ist im neuen Film von Regisseur Romain Gavras (ab Freitag, den 23. September, auf Netflix) keine antike Stadt, sondern eine Hochhaussiedlung im Banlieue von Paris im Jahr 2022. Der Vorort wird zum Schauplatz einer Tragödie: Es geht um Polizeigewalt, Rechtsextremismus und um einen Krieg, den es nur wegen einer Lüge gibt. 

Im Mittelpunkt stehen Abdel, Karim und Moktar. Drei gegensätzliche Brüder, deren Leben ins Chaos gestürzt wird: Ihr 13-jähriger Bruder Idir wird von Männern in Polizeiuniform erschlagen. Ein Video der Tat verbreitet sich sofort viral. 

Karim (Sami Slimane) sinnt auf Rache an den Polizisten, die er für den Tod von Idir verantwortlich macht. Abdel (Dali Benssalah), ein gerade von der Front zurückgekehrter Soldat, will seine Familie wieder einen. Und der dritte Bruder Moktar (Ouassini Embarek) hat trotz aller Trauer vor allem die Rettung seines Drogengeschäftes im Kopf. 

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Athena ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Weisheit, der Strategie und des Kampfes. Doch während in der Siedlung der Bürgerkrieg ausbricht, bleibt keine Zeit für eine Strategie oder gar Weisheit. Was bleibt, ist der Kampf. Ein Kampf, der nur verloren werden kann. 

Das ist der Kern der griechischen Tragödie, die dieser Film des Regisseurs Romain Gavras trotz aller Modernität ist. Die Lage ist ausweglos. Egal, was man tut: Man kann sich nur schuldig machen. Ab Minute eins des Filmes eskaliert die Situation, als Karim einen Molotowcocktail in eine Polizeistation wirft. Und mit jeder Sekunde nähert sich die Katastrophe. 

Sind diese Parallelen Zufall? Ganz und gar nicht, erzählt Regisseur Gavras. „Durch meine Wurzeln und meine Erziehung wurde ich von der griechischen Tragödie inspiriert. Ich bin fasziniert von ihrer symbolischen Bedeutung, der Einheit der Zeit und der Art und Weise, die Realität zu transzendieren. Ich wollte dieser Methode des Geschichtenerzählens näher kommen, sie in Bilder übersetzen und ein immersives Kinoerlebnis schaffen.“

 „In Athena sehen wir alles durch die Augen der Charaktere: Wir erleben, was sie in Echtzeit erleben“

Der Film spielt an einem einzigen Tag und einer Nacht. „Sophokles sagte, dass eine Tragödie in Echtzeit zwischen einem Sonnenaufgang und einem Sonnenuntergang stattfindet“, erklärt Romain Gavras. „Da ist keine Zeit zum Nachdenken. In Athena sehen wir alles durch die Augen der Charaktere: Wir erleben, was sie in Echtzeit erleben.“ 

Vor allem durch die langen, spektakulären Kamerafahrten durch die brennende Siedlung nimmt die Intensität des Filmes immer weiter zu. Die Kamera nimmt die Zuschauer*innen mit durch das Chaos, drängelt sich durch Menschenmassen, rast enge Treppenhäuser empor, klatscht gegen die Wand. 

 „Die Musik gibt dem Film eine opernhafte Dimension“

Um die Tragik dieser Geschichte noch tiefer unter der Haut zu spüren, ist auch die Musik von besonderer Bedeutung. Musik, die – wie alles im Film – eine Referenz an die griechische Tragödie ist. 

„Wir wollten das Klischee vermeiden, Rap einzubeziehen, nur weil der Film in einer Vorstadt spielt”, sagt der französische Komponist und Musiker Surkin (Gener8ion). Also entschieden sie sich für einen Sound, der das Element der vergangenen Zeiten auf moderne Art mit einbezieht, dramatisch und anschwellend. „Die Chortexte im Film sind alle auf Griechisch. Wir haben mit einem griechischen Songwriter namens Noda Pappas zusammengearbeitet. Die Musik gibt dem Film eine opernhafte Dimension. Wir wollten etwas Hybrides schaffen, bei dem sich Symphoniemusik mit elektronischer Musik mischt, und versuchen so, dieses Gefühl der Erhabenheit zu bewahren.“

Athena ist ein Film, der die Sinne anspricht“, sagt Regisseur Romain Gavras. Besonders spürbar wird das durch das Klima des Misstrauens, das zwischen den Häusern herrscht und auf die Zuschauer*innen übergreift. „Die Zuschauer selbst sind sich nicht sicher, was sie sehen, die allgemeine Verwirrung wird ständig genährt“, sagt Gavras. 

Athena stürzt sein Publikum in dasselbe Chaos wie die Brüder. Beim Zusehen nährt sich das klaustrophobische Gefühl: Es gibt kein Entkommen. Alles Tragische ist ausweglos. So war es damals. Und so ist es auch im Krieg von Athena

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Netflixwoche Redaktion