BARDO: Die kulturellen Anspielungen im Film erklärt

Ein Mann in seinen besten Jahren, graue Wuschelmähne, etwas zu labbrig sitzende Anzüge. Ein Eigenbrötler in der Kreativszene, irgendwie verloren und leidend, aller Privilegien zum Trotz. Hat man gefühlt schon öfter mal gesehen, etwa in Lost in Translation, Leid und Herrlichkeit oder La Grande Bellezza – aber sicher nicht so: im neuen Film BARDO

BARDO bedeutet „Zwischenwelt“. Hier vermischen sich Traum und Wirklichkeit, Surrealismus und Historie, Diesseits und Jenseits, Ideen und Erinnerungen, Scham und Stolz, Absurdität und Weisheiten. 

Der neue Film von Oscar-Preisträger Alejandro González Iñárritu ist gespickt mit Referenzen und Symbolen, mit kulturellen Anspielungen und Verweisen, die den Zusehenden etwas über den Regisseur und seine Vorlieben verraten, aber auch über die Kultur Mexikos. Iñárritu, der mit dem Film in seine Heimat zurückkehrt, erzählt nicht einfach nur die Geschichte eines Mannes, sondern die eines ganzen Landes. 

Ein Mann, der nirgendwo hingehört: Darum geht es in BARDO 

Silverio Gama (gespielt von Daniel Giménez Cacho) ist ein erfolgreicher mexikanischer Journalist und Dokumentarfilmer, der mit seiner Familie seit über 15 Jahren in den USA lebt. Direkt in der ersten Einstellung des Filmes sieht man seinen Schatten vom mexikanischen Boden abheben, während seine Verwandten in ihrer Heimat bleiben, bodenständig und verwurzelt. 

Und genau hier liegt der Konflikt des Filmes: Denn in Los Angeles bleibt Silverio immer „der Dunkle“, während er in Mexiko von nun an der ist, der den Gringos „den Arsch leckt“, wie es im Film heißt. 

„Manchmal denkt man, man sei von zwei Orten. Aber in Wahrheit ist man von keinem“, sagt Silverio. Im Film geht es nicht nur um die Suche nach einer Identität, sondern um das Verlieren der eigenen.

Daniel Giménez Cacho steht als Silverio Gama verloren in der Wüste..
Daniel Giménez Cacho steht als Silverio Gama verloren in der Wüste..

Silverio und seine Familie sind Immigrant*innen der Oberschicht: Sie mussten nicht, wie so viele von Armut Vertriebene, zu Fuß über die Grenze. Für Silverios Familie war der Umzug in die USA eine Abwägung der Vorteile. Genau deswegen kann Silverio es sich auch erlauben, beide Länder zu lieben. Auch, wenn er in beiden auf verschiedene Arten gehasst wird. Denn in Mexiko ist er der Amerikaner, in den USA ist er der Mexikaner.

Wie es um das Verhältnis der beiden Länder steht, wird im Film auch im Kleinen immer wieder thematisiert. Im Radio wird berichtet, dass die US-Regierung die Pläne von Amazon unterstützt, den mexikanischen Bundesstaat Baja California zu kaufen. Die USA werden als Ort steriler Realität und Geldgier beschrieben, während Mexiko als reich an Mythen und Tradition, aber auch verarmt und gefährlich dargestellt wird.

Die Bildsprache: Italienische Einflüsse in Mexiko

Von wem sich der Oscar-Preisträger Alejandro González Iñárritu (Birdman, The Revenant) bei der Bildsprache hat inspirieren lassen, lässt sich schnell erahnen. Bereits die erste Szene in Bardo, in denen ein Schatten über die Wüste schwebt, erinnert an die sich ebenfalls in den Lüften abspielenden ersten Minuten in Fellinis 8 ½. Auch die Ähnlichkeit Silverios mit dem sonnenbebrillten Marcello Mastroianni ist nicht zu übersehen. Und es würde kaum irritieren, würde der Film kurz in fellinisches Schwarz-Weiß getaucht. 

Auch ein zweiter italienischer Regisseur scheint González Iñárritu inspiriert zu haben: Zuerst die tanzenden Damen mit pinken Federboas im Fernsehstudio, dann die riesige bunte Fiesta zu Ehren Silverios erinnern an die legendären Partyszenen, die immer wieder in Filmen von Paolo Sorrentino auftauchen. 

In BARDO wie in Sorrentinos Filmen scheint jede Person auf der Tanzfläche ihre Rolle zu kennen. Niemand ist unersetzbar, nichts geschieht zufällig – das trifft übrigens auf jegliches Detail in diesem Film zu, seien es Kostüme oder Soundeffekte. Der Film „wurde mit vollkommener Kontrolle gefertigt, jedes einzelne Bild, jede Bewegung war vorgezeichnet und geprobt“, sagte der Regisseur der Süddeutschen Zeitung

 „Eine Aneinanderreihung idiotischer Bilder“

Zuweilen erscheint der Film durch die Überfrachtung an surrealen Bildern strukturlos, als wäre es bloß eine Aneinanderreihung willkürlicher Szenen. Menschen fallen zum Beispiel plötzlich und ohne Grund mitten auf der Straße Mexiko Citys um – nicht tot, auch nicht lebendig, aber auf jeden Fall unbeachtet. Eine Szene, die in Wahrheit alles andere als willkürlich ist: Symbolisch stehen die Menschen für die unzähligen Vermissten in Mexiko, die von den Kartellen entführt oder getötet wurden – und deren Verschwinden niemals aufgeklärt werden wird. 

Wie Silverio schon zu Beginn des Filmes sagt, ist das Leben in BARDO also tatsächlich eine „Aneinanderreihung idiotischer Bilder“, eine Serie sinnloser Ereignisse. Doch genau deshalb, weil es eben das Leben ist, haben diese „idiotischen Bilder“ früher oder später immer eine gewaltige Bedeutung. Man muss nur die Symbole lesen lernen. 

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Netflixwoche Redaktion